Die Polizei traut sich nicht mehr überall hin (Foto: Nick Näslund/Sveriges Radio)
Hintergrund

Schießereien in 55 rechtsfreien Räumen

"Das ist kein Film. Das ist Wirklichkeit"
4:18 min

In Schweden gibt es aktuell 55 Gebiete, in denen kriminelle Gangs so starken Einfluss haben, dass es der Polizei dort schwer fällt, Recht und Ordnung aufrecht zu erhalten. Dies geht aus einem offiziellen Bericht der Polizei hervor. Dabei wird festgestellt, dass sich die Beamten nicht selten gar nicht erst in diese Gebiete wagen. Gleichzeitig häufen sich gerade dort die Schießereien zwischen kriminellen Gangs. Die Bevölkerung wagt sich in diesen Orten kaum mehr auf die Straße.

Offener Handel mit Drogen, Randale und offene gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen kriminellen Banden auf öffentlichen Plätzen, die häufig in Schießereien gipfeln – so beschreibt die schwedische Polizei selbst die Zustände in 55 von ihr ausgemachten Krisengebieten in 22 schwedischen Städten. Die meisten dieser „Problemzonen“ befinden sich dabei in den Vororten der Großstädte Stockholm, Malmö und Göteborg.

Eine Erhebung der Nachrichtenredaktion des Schwedischen Rundfunks stellt darüber hinaus fest, dass die Zahl der Schießereien in Schweden weiter auf hohem Niveau liegt. Allein in den drei Großstädten wurden in diesem Jahr bisher 208 solcher Zwischenfälle gezählt. Wenn der Trend anhält, werden die insgesamt 255 Schießereien vom Vorjahr wieder erreicht. Der Einsatzchef der Polizei in Malmö, Mats Karlsson, gibt sich bestürzt:

„Ich möchte, dass in Malmö kein einziger Schuss fällt. Es besteht die ständige Sorge, dass jemand verletzt wird,“ so Karlsson im Schwedischen Rundfunk. Seine Sorge ist berechtigt. 14 Personen sind in diesem Jahr in den Großstädten bei Schießereien ums Leben gekommen.

Allein vier davon in Göteborg. Dort lebt Hector Valeria. Der Fußballtrainer ist mit einigen der Opfer bekannt gewesen: „Das ist schrecklich. Jeder schießt auf jeden. Das ist kein Film. Das ist die Wirklichkeit.“

Soziale Randgebiete

Die Orte der Verbrechen sind der Polizei bekannt. Es handelt sich meist um soziale Randgebiete wie Rinkeby/Tensta und Alby/Fittja in Stockholm, Bergsjön und Biskopsgården in Göteborg sowie Herrgården/Rosengård in Malmö. Die Polizei beschreibt sie in ihrem Bericht als Zonen, wo lose Netzwerke junger Krimineller das Sagen haben. Häufig handelten diese Banden nur wenig strategisch. In den Großstädten aber haben sich besser organisierte Gangs gebildet, die den Zustrom von Drogen, Einbruchdiebstähle und weitere kriminelle Aktivitäten kontrollieren.

Der Polizei sind auch häufig die Täter bekannt. Doch meist trauen sich die Beamten nicht in diese Gebiete. Denn sie stoßen dort auf offene Gewalt. Beamte werden angegriffen, Gewalt und Drohungen ausgesetzt, unbewachte Polizeiautos vandalisiert. Offiziell möchte die Polizei nicht von „No-Go-Areas“ sprechen, also Gebieten, wo sie nicht aktiv wird. De facto handelt es sich aber genau darum, meint etwa die Tageszeitung Svenska Dagbladet. Auch Feuerwehr und Rettungsdienste haben bereits Gebiete definiert, in die sie nicht fahren, weil sie mit Angriffen rechnen müssen.

Marginalisierung

Die Polizei stellt in ihrem Bericht lediglich fest, dass die Situation in den Gebieten Besorgnis erregend sei und es schwer mache, gegen Verbrechen zu ermitteln. Gleichzeitig übten diese Banden auch Druck auf die Menschen in ihrer Umgebung aus, räumt der Bericht ein. Davon weiß auch der sozialdemokratische Stadtrat Dario Espiga zu berichten. Er ist der Meinung, dass die Gewalt ihre Ursache auch in der ständig steigenden Marginalisierung von sozial schwachen Mitbürgern habe. Die Gewalt treffe daher die sozial und wirtschaftlichen schwachen Stadtteile, mit häufig hohem Anteil an Einwanderern:

„Das ist der Nährboden für die Kriminalität. Das beunruhigt und lässt einen das Vertrauen in die Gesellschaft verlieren. Andere Gruppen müssen dagegen halten und Vertrauen gewinnen. Niemand wird mit der Pistole in der Hand geboren. Es geht um Möglichkeiten, Macht, Einfluss, Arbeit und Ausbildung.“

Genau diese gesellschaftliche Randzonen werden von der Polizei bewusst vernachlässigt. Dies macht der Bericht über die 55 Problemzonen deutlich, auch wenn darin festgestellt wird, dass nicht alles hoffnungslos sei, denn so der Bericht: „In den meisten Gebieten kann festgestellt werden, dass Polizisten frei zu Fuß auf Streife gehen können, ohne Angst haben zu müssen, dass sie angegriffen werden.“

Mats Karlsson von der Malmöer Polizei stellt dazu fest. Es sei zu früh zu sagen, ob es der Polizei gelingen wird, der Gewalt Einhalt zu gebieten. Das Problem könne nicht über Nacht gelöst werden.

Fernando Arias / Dieter Weiand

Grunden i vår journalistik är trovärdighet och opartiskhet. Sveriges Radio är oberoende i förhållande till politiska, religiösa, ekonomiska, offentliga och privata särintressen.
Du hittar dina sparade avsnitt i menyn under "Min lista".