Professor Bernd Henningsen wünscht sich, dass sich die deutschen Sozialwissenschaften mehr mit Schweden befassen (Foto: Henningsen)
Interview mit Professor Bernd Henningsen

„Skandinavische Länder am Horizont der Aufmerksamkeit“

„Die Schweden sind unfähig zum Konflikt – die Deutschen zum Konsens“
6:18 min

Skandinavien und insbesondere Schweden werden von den deutschen Sozialwissenschaften sträflich vernachlässigt. Dies meint der ehemalige Leiter der Nordeuropa-Instituts in Berlin, Professor Bernd Henningsen. Dabei sei gerade die politische Entwicklung sehr interessant, vor allem aktuell mit dem Erstarken rechtspopulistischer Parteien wie jetzt mit den Schwedendemokraten.

Henningsen:
„Wir sind dabei ein Buch zu schreiben, das seinen Ausgang gerade in den skandinavischen Ländern nahm, dass der Rechtspopulismus und daraus folgend der Rechtsextremismus im Grunde in den skandinavischen Ländern erfunden ist, zumindest dort zuerst auftaucht. Dieser Gedanke ist schwer vermittelbar hierzulande. Das hat sich als Beobachtung noch nicht durchgesetzt. Ich denke an 1972 und die Fortschrittspartei in Dänemark, die Fortschrittspartei – wie sie auch heute noch heißt in Norwegen – später kamen die Schweden und die Finnen. Und Deutschland ist von den skandinavischen Ländern sehr stark bedient worden mit nazistischem Propagandamaterial, was in der Bundesrepublik verboten ist, aber in den skandinavischen Ländern hat man das hergestellt und dann nach Deutschland exportiert zur Bedienung der Rechtsradikalen, von denen es nicht so viele gegeben hat in Deutschland. Das ist für mich eine Merkwürdigkeit, dass diese Phänomene so wenig Niederschlag in der deutschen wissenschaftlichen Beobachtung gefunden haben.

Radio Schweden:
Kann das daran liegen, dass das Bild von Schweden in der deutschen Allgemeinheit sehr positiv ist. Schweden wird immer als Vorbild und eine Art Paradies wahrgenommen. Da passen negative Nachrichten nicht gut rein. Das hat sich dann irgendwie auch auf die Forschung übertragen:

Henningsen:
„Und selbst, wenn ein Ministerpräsident auf offener Straße ermordet wird, selbst wenn ein Massenmörder auftritt, wie vor kurzem in Norwegen, selbst dann provoziert das nicht ein nachhaltiges Interesse in der Öffentlichkeit durch den Journalismus und durch die Wissenschaft.“

Radio Schweden:
Jetzt ist Schweden auch seit 20 Jahren EU-Mitglied und damit etwas „normaler“ geworden. Ist es dadurch auch langweiliger und weniger speziell geworden?

Henningsen:
„Zu dem was ich jetzt sage, gibt es keine empirischen Untersuchungen, glaube ich. Aber was ich beobachte ist, dass sowohl in den Zeitungen wie auch im Fernsehen die schwedische Kommissarin beispielweise sichtbar ist. Der finnische Kommissar ist sichtbar. Deshalb habe ich einen gewissen Zweifel an diesem ewigen Vorwurf, dass es keine europäische Öffentlichkeit gibt. Ich habe schon den Eindruck, dass sich das Wissen und das Interesse zu und über Europa sich in den letzten Jahren verstärkt hat.  Nicht zuletzt eben durch die Finanzkrise. Wir wissen heute sehr viel über Griechenland, über Italien – eben durch die Medien. Vor diesem Hintergrund sind die skandinavischen Länder eher am Horizont der Aufmerksamkeit – auch durch den Beitritt zur EU.“

Radio Schweden:
Das würde aber auch ihrer relativen Größe entsprechen. Schweden hat knapp 10 Millionen Einwohner und hat nicht DIE europäische Bedeutung. Wenn wir uns noch einmal die Konstellation der Regierungsbildung in Schweden anschauen, dann ist die Minderheitsregierung als Modell traditionell sehr beliebt. Warum interessiert sich denn in Schweden niemand für die große Koalition, zu der in Österreich und in Deutschland regelmäßig gegriffen wird?

Henningsen:
„Ich stelle lieber die umgekehrte Frage: Warum ist in Deutschland eine Minderheitsregierung unmöglich? Das hat vielleicht etwas mit der politischen Kultur und mit der Größe des Landes zu tun. Ich versuche meinen Studenten den Unterschied in einem pauschalisierendem Satz und flapsigen Bemerkung klar zu machen: ‚Die Schweden/Skandinavier sind unfähig zum Konflikt. Die Deutschen sind unfähig zum Konsens‘. Die Deutschen werden häufig als eine Konsens-Gesellschaft beschrieben. Ich nehme das aber so nicht wahr. Ich nehme eher die skandinavischen Gesellschaften als Konsens-Gesellschaften wahr, in denen man sich – wenn es strittige Fragen gibt – zusammensetzt und versucht, diese gemeinsam zu lösen. Deswegen ist es auch möglich, über die ideologischen Grenzen hinweg Regierungen zu bilden. Das wäre in Deutschland sehr schwierig, um nicht zu sagen unmöglich. Versuche mit Minderheitsregierungen hat es nur auf Länderebene gegeben. Die haben nie lange gehalten. Sobald sich eine Gelegenheit geboten hat, wurden Mehrheitsregierungen gebildet.

Das sind interessante Phänomene, die in der politischen Kultur wurzeln. Man sollte nicht vergessen, die skandinavischen Länder – auch das ist so eine Beobachtung, die ich immer gerne auch etwas flapsig weitergebe – sind insbesondere im Vergleich zu Deutschland von ihren Obrigkeiten nie betrogen worden. Wenn Sie die deutsche Geschichte als Beispiel dagegen nehmen, da gab es Diktaturen, das Kaiserreich, diverse politische Skandale. Das ist ein Kontrast zu den skandinavischen Ländern. Das schlägt sich dann in den Umfragen für den Korruptionsindex nieder. Da sieht man, die skandinavischen Länder und Gesellschaften sind mit ihrer jeweiligen Obrigkeit eher zufrieden als das bei uns der Fall ist. Man hat Vertrauen nach oben.

Radio Schweden:
Wäre es nicht gerade aus diesen Gründen und Besonderheiten wichtig für die deutsche Forschung in den Sozialwissenschaften sich doch näher und systematischer mit den skandinavischen Ländern zu befassen?

Henningsen:
„Ich kann Ihnen nur zustimmen.“

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