Streitfall Atomkraftwerk Krümmel in der Nähe von Hamburg (Foto: Fabian Bimmer/TT.)
Hintergrund

Vattenfall als Energiewende-Botschafter

"Zwei Welten, die miteinander konkurrieren"
5:03 min

Politiker und Lobbyisten der deutschen Energiebranche versuchen weiter, im Ausland für die deutsche Energiewende zu werben.

In jüngster Vergangenheit haben sich Auftritte, die den Schweden das deutsche Jahrhundertprojekt schmackhaft machen sollen, gehäuft . Am Donnerstagabend sprach ein Vertreter von Vattenfall Deutschland vor der Deutsch-Schwedischen Handelskammer in Stockholm.

Energiewende-Botschafter trotz Schiedsgerichtklage?

Der staatseigene Energiekonzern Vattenfall ist einer der Akteure, die die deutsche Energiewende meistern müssen. In dieser Eigenschaft bewirbt Vattenfall auch in Schweden die deutsche Energieumstellung. Parallel dazu hat das Unternehmen aber eine Schiedsgerichtklage gegen Deutschland wegen just dieser Energiewende am Laufen: 4,7 Milliarden Euro fordert der Konzern vom deutschen Staat als Kompensation. Wie passt das zusammen?

„Es zeigt, dass es eben verschiedene Dimensionen gibt“, sagt Pieter Wasmuth vom Bereich Communications bei Vattenfall in Hamburg. „Den Schweden ist bewusst, dass das, was in Deutschland nach Fukushima geschehen ist, eine möglicherweise berechtigte politische Reaktion auf die öffentliche Meinung war. Auf der anderen Seite ist der schwedische Staat der Eigentümer von Vattenfall und muss darauf achten, dass das Unternehmen auch Geld verdient. Das sind zwei Welten, die miteinander konkurrieren. Man muss aber auch sagen, dass es nicht einfach akzeptiert werden kann, wenn Investitionen, die man auf Basis anderer Verabredungen getroffen hat, plötzlich entwertet werden.“

Welchen Ausgang die Klagen gegen Deutschland vor einem Washingtoner Schiedsgericht haben werden, steht noch aus. Der schwedische Staat jedenfalls hat dem juristischen Vorgehen gegen das Nachbarland stillschweigend seinen Segen erteilt.

Energiewende: eine europäische Angelegenheit

Bei seinem Vortrag vor der Deutsch-Schwedischen Handelskammer betonte Pieter Wasmuth, dass die deutsche Energiewende nicht die Umsetzung fertiger Lösungen bedeute, sondern eher eine fortwährende Suche nach dem richtigen Rezept sei. Ein Rezept, dass nur unter Einbindung der Nachbarländer in ein gemeinsames, flexibles und konkurrenzkräftiges Stromnetz funktionieren könne.

Schwedische Energie gelangt bislang nur in bescheidenen Ausmaßen nach Deutschland. Ist Schweden mit seinem hohen Anteil an Atomstrom überhaupt interessant als Energiepartner für das in Zukunft womöglich atomfreie Deutschland?

„Es besteht der Bedarf nach einer intensiveren europäischen Zusammenarbeit, um zu einem intelligenteren Energiesystem zu kommen“, so Wasmuth. „Die einzelnen Länder haben aufgrund ihrer Geographie und Struktur unterschiedliche Talente. Schweden hat sehr viel Wasserkraft und im Sommer oft Überschüsse. Es gibt hier Möglichkeiten, Verbrauch zu balancieren. Insofern ist es wichtig, dass wir insgesamt europäisch weiterkommen. Wenn Deutschland und Schweden hier Vorbilder sind und intensiver über eine Zusammenarbeit sprechen, dann kann das nur gut und richtig sein.“

Bislang ist die Zusammenarbeit noch nicht so stark ausgeprägt. Was muss Schweden tun, um als Partner interessanter zu werden?

„Die Zusammenarbeit ist nicht so schlecht, wie gedacht. Es gibt physische Verbindungen zwischen Deutschland über Dänemark nach Schweden, über die Strom ausgeglichen wird. Die Zusammenarbeit zwischen den Netzen funktioniert schon ganz gut.“

Kampf der Energiekulturen?

Schweden und Deutschland, das sind zwei sehr unterschiedliche Energie-Kulturen. Bei den schwedischen Strombetreibern, den Entscheidungsträgern und auch in der Bevölkerung stößt die deutsche Entscheidung, der Abwicklung der Atomkraft dem Einstampfen der Braunkohle Vorrang zu geben, auf Unverständnis.

Schweden kann aber dennoch viel aus der deutschen Energiewende lernen, sagt der Leiter der schwedischen Energiebehörde, Erik Brandsma, gegenüber Radio Schweden: „Wie ein Energiesystem zusammenhängen muss, das ist etwas, was wir in Schweden von der deutschen Energiewende lernen können. Wie hängt die Erzeugung mit dem Verbrauch zusammen, wie wird es effektiver ausgestaltet, wie können Kapazitäten weitergeleitet und die Spannung im Netz aufrechterhalten werden – das alles können wir in Schweden lernen.“

Energiezukunft gehört den Regionen

Die Zukunft der Energieerzeugung in Europa liegt in den Regionen, glauben die Stromexperten. Regionen einzelner Länder werden flexible Energiesysteme miteinander aufbauen, die Schwankungen in Verbrauch und Angebot kostengünstiger auffangen können, als es heute der Fall ist.

Schweden werde dabei vor allem mit seiner Wasserkraft im Norden ein interessanter Partner sein, glaubt Erik Brandsma: „Wird in Deutschland mehr Elektrizität erzeugt, als benötigt, so will man den Strom irgendwo lagern. Hier kommen die schwedischen Wasserreservoirs als Lagerungskapazität ins Spiel. Die Wassermagazine werden zur Lagerungsstätte, bis neuer Bedarf aufkommt und der Strom an Deutschland zurückverkauft wird. Auf solche Weise können gemeinsame Energiesysteme zwischen Deutschland und Schweden aufgebaut werden.“

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