Fryshuset - Institution für Unterprivilegierte

Schlechte Berufsaussichten, Verbrechen, Drogenmissbrauch, Fremdenfeindlichkeit - Schweden ist keine Insel der Glückseligen, die diese und andere soziale Probleme nicht kennt.

Hier haben besonders Jugendliche damit zu kämpfen. Dass sie hierbei Unterstützung brauchen - das wissen die Initiatoren des „Fryshuset“ im Stockholmer Stadtteil Hammarby schon seit fast zwanzig Jahren.

Betonpfeiler von Autobahnbrücken, Fabrikgebäude aus verblichenen Ziegeln, ungenutzte Lagerhäuser - hier würde man eher die Kulisse für einen Grosstadtkrimi als ein Jugendzentrum vermuten. Doch eben in einem der vormals leerstehenden Ziegelgebäude haben die Initiatoren das „Fryshuset“ aufgebaut. Sicherlich ist der Stadtteil Hammarby im Süden Stockholms nicht gerade eine Traumadresse - aber eben die Wohngegend des Hauptklientels. Anders Carlberg hat das Fryshuset 1984 gegründet: „Wir arbeiten mit der gesamten Umgebung, wir haben ungefähr 6 bis 7.000 Stammgäste. Fryshuset ist ein richtiger Schmelztiegel. Hier leben ungefähr 90 Prozent Einwanderer. Wir sagen: Privilegierte und Unterprivilegierte.“

Skateboarden und Musik machen
Im Fryshuset sind alle willkommen, jeder soll hier ein Angebot finden. Musik steht bei den Jugendlichen hoch im Kurs, entweder selbstgemacht in einem der zahlreichen Proberäume oder zum Zusehen live auf der Bühne.

Gefragt sind daneben Skateboarden in dem Parcours im Keller und besonders Basketball auf den Plätzen im Fryshuset. Gerade im gemeinsamen sportlichen Wettkampf um Ball und Körbe sieht Arald Berk, einer der Betreuer im Fryshuset, ein ideales Mittel, um Jugendliche zueinander zu bringen: „Sie vermischen sich wirklich. Die kommen aus unterschiedlichen Ländern wie Kroatien, Bosnien, Kongo, unterschiedliche afrikanische Länder, verschiedene europäische Länder, wenn man Basketball spielt, ergibt sich sofort Kontakt.“

Dank Gesamtschule neue Lebensperspektiven
Fryshuset soll nicht nur Freizeitspass bieten, sondern eine Perspektive geben: In der hauseigenen Gesamtschule erhalten Jugendliche eine Bildung, die ihnen später Aussichten auf einen Beruf öffnet. Gelehrt wird hier nicht wie in anderen Schulen: Die Schüler sitzen nicht Stunde für Stunde auf der Bank und lassen wechselnden Unterricht über sich ergehen, sondern arbeiten fächerübergreifend an Projekten, zusammen mit ihren Lehrern. Anders Carlberg: „Wir führen Erwachsene in die Wirklichkeit der Jugendlichen ein. Heute leben wir in einer Geschwisterkultur: Jugendliche erziehen Jugendliche. Wir sind die erste Generation, in der die eigene Generation eine wichtigere Rolle spielt als die Welt der Erwachsenen.“

Carlberg hält es dagegen für wichtig, dass Jugendliche in Erwachsenen wie Betreuern und Lehrern Identifikationspersonen finden. Nur so können sie selbst auch verantwortungsvolle Individuen werden. Allerdings wissen die Mitarbeiter des Fryshuset auch, dass allen Bemühungen zum trotz Jugendliche auf die schiefe Bahn geraten - z.B. durch Verbrechen wie Diebstahl oder Drogenmissbrauch. Fryshuset setzt dagegen auf die Aktion „Lungna Gatan“, zu Deutsch etwa „ruhige Straße“: Ehemalige Gefängnisinsassen sprechen mit gefährdeten Jugendlichen, berichten von ihren Erfahrungen. Auch ehemalige Rechtsradikale arbeiten für Fryshuset: Sie stehen in Kontakt zu ihren vormaligen Gesinnungsgenossen, um sie von ihren fremdenfeindlichen Einstellungen abzubringen.

„Wir bauen Vertrauen auf durch Leute, die wissen, was los ist, die wir ausgebildet haben und die zurück in ihre alten Zusammenhänge gehen und dort etwas organisieren“, sagt Carlberg.

Was die ehemaligen Rechtsradikalen und Gefängnisinsassen allerdings genau organisieren - darüber schweigt Anders Carlberg - ebenso wie auf die Fragen, wie die Jugendlichen aus dem Fryshuset in ihrem späteren Leben zurechtkommen und ob durch die Mischung unterschiedlicher Minderheiten nicht nur eine einheitliche, aber eben nicht weniger unterprivilegierte Gruppe geschaffen wird.

Hans-Peter Fischer

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