Der Geist von Gnosjö

Von einem kleinen Ort im Süden von Schweden geht die Sage, er herrsche dort ein besonderer Geist. Viele kleine Unternehmen schaffen dort einen außerordentlichen Wohlstand. Gnosjö heißt der Ort und der "Geist von Gnosjö" ist ein geflügeltes Wort im ganzen Land.

Der Ort liegt verschlafen inmitten weiter Wälder. Erster Stopp: die Gemeindeverwaltung. Ich blättere in einer Broschüre. Da steht zum Beispiel, dass Gnosjö nur 10.000 Einwohner hat, dabei aber 350 Firmen, womit Gnosjö die Gemeinde mit der größten Industriedichte in ganz Schweden ist. Und das Wirtschaftswachstum von knapp 15 Prozent in den letzten 10 Jahren ist das höchste im ganzen Land.

Diese Zahlen kennt natürlich auch Bürgermeister Lars Johann Magnusson. Er sitzt in seinem Büro und reibt sich zufrieden die Hände. Finde ich hier den Geist von Gnosjö? Zumindest steht bei ihm auf dem Schreibtisch eine Wunderlampe. Ist da der Geist drin?

Werbung in Hochglanzbroschüren
„Die Wunderlampe haben wir zur Einweihung einer Schule für Erwachsenenbildung schaffen lassen. Der König war dazu auch eingeladen und wir brauchten ein Geschenk für ihn. Also bekam er das erste Exemplar der Lampe. Das ist symbolisch gemeint. Wenn man dran reibt, dann kommt der Gnosjö-Geist heraus."

Dass die Wirtschaft so boomt ist natürlich nicht das Verdienst der Gemeinde, aber sie versucht das so gut es geht zu unterstützen: „Die Rolle der Gemeinde ist es, einen guten Service zu leisten: Schulen, Kindertagesstätten, Erwachsenenbildung. Das lebenslängliche Lernen ist ja ganz wichtig, man hat ja niemals ausgelernt. Und für die Industrie und Wirtschaft versuchen wir, eine gute Infrastruktur zu schaffen: gute Strassen, Industriegebiete, Bauplätze, Wohnungen natürlich auch und ein gutes Kultur- und Freizeitangebot und gute Verkehrsanbindungen."

Mit Hochglanzbroschüren wirbt die Gemeinde außerdem für Zuwanderung - auch auf Deutsch. Darin preist die Gemeinde ihre Kinderfürsorge, ihre Schulen, ihr Freizeitangebot und ihren Wohnraum. Schon jetzt besteht ein Viertel der Gemeinde aus Einwanderern, die meisten aus Asien und aus Bosnien. Aber die Gemeinde braucht noch mehr Menschen; am liebsten solche mit qualifizierter Ausbildung, denn die fehlen in Gnosjö.

Der echte Geist: Teamwork
Ich mache eine erste Zusammenfassung: in Gnosjö boomt die Wirtschaft, die Firmen können sich vor Aufträgen kaum retten und die Gemeinde sorgt dafür, dass das Drumherum funktioniert. Alles schön und gut, aber wo ist da der Geist, der besondere Geist von Gnosjö?

Bürgermeister Lars Johann Magnusson: „Der Geist ist für mich Tradition und Zusammenarbeit. Man hat eine große Tradition, Unternehmen zu gründen, und dass die Unternehmen und die Kommune zusammenarbeiten. Also Zusammenarbeit ist sehr wichtig."

Mit Schmieden und Drahtziehereien fing es im 19. Jahrhundert an, später kam noch die Messingverarbeitung hinzu. Die einzelnen Betriebe arbeiteten schon damals eng zusammen und wussten auch, wie sie ihre Produkte los wurden. So entstand im Lauf der Zeit aus einfacher Heimarbeit und Handwerk eine hochtechnologisierte Kleinindustrie. Auch heute überwiegen die metallverarbeitenden Unternehmen in Gnosjö, aber auch Plastikprodukte, Gartenmöbel und Drucksachen werden hier hergestellt.

Auf meiner Suche nach dem Geist von Gnosjö werde ich also am ehesten in einer Firma fündig. Ich verabrede mich mit Wolfgang Schmeing, dem Besitzer der Gnosjö Service Tryckeri. Die Druckerei liegt versteckt in einem Seitenweg. Kein Schild weißt darauf hin - vom richtigen Geist geleitet findet man den Ort auch ohne Hinweise - ist das die Devise?

Vor 15 Jahren ist Wolfgang aus dem Raum Hamburg nach Gnosjö gekommen - aus Liebe. Vom Gnosjö-Geist hatte er da noch nichts gehört. Wolfgang hatte schon in Deutschland im graphischen Gewerbe gearbeitet: "Ich bin hierhergekommen und habe zunächst als Angestellter gearbeitet, dann mit dem Eigentümer ein zweites Unternehmen gegründet, dann durch Konkurs 1991 eine Druckerei übernommen."

Wolfgangs Druckerei macht Reklamebroschüren, Lieferscheine, Rechnungen, Visitenkarten. Außerdem erstellen er und seine 6 Mitarbeiter auch Homepages und bietet weitere Dienste an: Gnosjö Service Tryckeri - eine ganz normale Erfolgsgeschichte? Von ursprünglich 2 auf 6 Mitarbeiter, von einer Millionen Kronen Umsatz im ersten Jahr auf an die acht Millionen dieses Jahr.

Traditionen sind stark verwurzelt
Am Anfang, als Wolfgang nach Gnosjö kam, war es allerdings nicht so leicht für ihn - trotz seiner schwedischen Frau. Die Leute seien sehr eingebunden in ihre Traditionen und ein bisschen ängstlich gegenüber dem Neuen, meint er. Das hört sich ein wenig widersprüchlich an für einen Ort, in dem das moderne Unternehmertum prosperiert und man damit wirbt, in den Firmen die neuesten Maschinen stehen zu haben. Und Wolfgang gibt zu: das ist widersprüchlich. Aber mit Ausdauer und viel Arbeit hat er sich in die Gemeinschaft eingegliedert:

"Zunächst mal muss man arbeitswillig sein, gute Arbeit erledigen, um akzeptiert zu sein. Dann ist man ein bisschen aktiv im religiösen Leben gewesen ... und hat dadurch ´ne Menge Leute kennengelernt."

Aber die meisten Kontakte finden doch durch die Arbeit statt. 12 Stunden am Tag sind normal, am Samstag nur die Hälfte. Sonntag, wenn´s geht, frei - aber das geht halt auch nicht immer. Die letzte große Anschaffung der Gnosjö Service Tryckeri war eine Vierfarbmaschine. Expandieren will Wolfgang jetzt nicht weiter, sich nur noch auf dem neuesten Stand der Technik halten.

Ich fasse zusammen: Gnosjö-Geist, das bedeutet: man arbeitet ganz viel, hilft sich gegenseitig und ist spontan und flexibel. Ich fahre zurück nach Stockholm und wenn ich einmal denke, ich würde zuviel arbeiten, dann denke ich an die unermüdlichen Menschen in einem kleinen Ort im Süden von Schweden.

Axel Hammerl

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