Gratiszeitung Metro

Seit dieser Woche wird den Stockholmern zweimal täglich in der U-Bahn kostenlos eine Zeitung angeboten. Neben der schon etablierten Morgenzeitung „metro" gibt es jetzt auch am Nachmittag ein Boulevardblatt mit dem Namen „everyday". Das Phänomen der Gratiszeitungen in den öffentlichen Verkehrsbetrieben hat den Zeitungsmarkt nicht nur in Schweden revolutioniert.

Weltweit tauchen diese Blätter auf und verändern die Zeitungslandschaft radikal. Den Anfang machte das schwedische Morgenblatt „metro", die erste kostenlose Zeitung in der U-Bahn.

„Ziele: Reichtum, Spaß und Welt verändern"
Es begann alles in einem winzigen Büro Stockholms zu Anfang der 90er Jahre. Drei Freunde mit gediegenem Hintergrund in der Medienbranche machten sich Gedanken über die Zukunft - die der Zeitungen im Allgemeinen und die eigene im Besonderen. "Drei Ziele hatten wir", sagt Pelle Andersson, Journalist und Grafiker. „Wir wollten reich werden, wir wollten Spaß haben und wir wollten die Welt verändern."

Und das ist ihnen gelungen mit Metro, der ersten Gratiszeitung in der U-Bahn. Das Konzept für Metro war genial und einfach zugleich. Das Trio – neben Pelle Andersson noch der Journalist Robert Braunerhielm und die Geschäftsführerin Monica Lindstedt – das Trio begann mit einer schlichten Milchmädchenrechnung: Nur ein Drittel der Einnahmen kommt bei schwedischen Tageszeitungen aus Abonnements, der Rest aus Anzeigen. Gleichzeitig steht die Lieferung an die Abonnenten für ein Drittel der Gesamtausgaben. Kann man also die Zeitung fast kostenlos verteilen, dann kann man sie auch kostenlos hergeben und hat dennoch dieselbe wirtschaftliche Ausgangsposition. Die Idee der Zusammenarbeit mit den örtlichen Verkehrsbetrieben war geboren.

Doch nicht nur die Finanzen sollten bei metro anders sein, sondern auch der Inhalt: Pelle Andersson zog Konsequenzen aus seinen zehn Jahren bei Dagens Nyheter, der größten schwedischen Tageszeitung: „Jedes Jahr untersuchte man bei Dagens Nyheter, warum die Leute ihre Abos kündigten. Und jedes Mal gab es dieselben Antworten: 1. Ich habe keine Zeit 2. Das Abo ist zu teuer und was macht da die Direktion: sie erhöhte die Preise und die Zeitung wurde noch dicker."

Schwarze Zahlen von der ersten Auflage an
Nicht so Metro Stockholm. Am 13.Februar 1995 lag sie um 6 Uhr früh zum ersten Mal in den Ständern aller U-Bahnhöfe Stockholms – schlank und kostenlos. Das Blatt wurde ein unmittelbarer Erfolg bei Lesern und Anzeigenkunden, schrieb vom ersten Jahr an schwarze Zahlen. 1999 belief sich der Gewinn von Metro Stockholm auf umgerechnet knapp 30 Millionen Mark. Die Expansion, der Gang an die Börse, folgten. Heute gibt es Metro in 16 Städten in neun Ländern, in Ungarn, den USA, den Niederlanden unter anderem.

Wo immer Metro auftaucht, schlägt die etablierte Tagespresse Alarm, warnt vor Billigjournalismus im Billigblättchen. Die Angst vor dem Verlust von Anzeigenkunden spielt wohl aber eine nicht minder wichtige Rolle. Trotz Kritik nämlich: Metro wird kopiert, kopiert und noch mal kopiert.

Im Gegensatz zu vielen dieser Kopien ist das Original jedoch langlebig. Warum? Die Antwort - da sind sich alle einig - liegt in der relativ hohen journalistischen Qualität. Metro ist keine Boulevardzeitung. Metro – das ist Information aus dem Ausland, Inland, Wirtschaft, nur wenig Lokales, wenig Sport. Telegrammartig, von Nachrichtenagenturen gekauft. Dazu eine größere Reportage in jeder Ausgabe und unabhängige Kolumnisten --eine Mischung mit Erfolg.

Gesteckte Ziele sind erreicht
Finanziert wurde und wird Metro von Jan Stenbeck, eine Art Leo Kirch der nordischen Medienszene. Die drei Metrogründer haben mittlerweile ihre Anteile an ihn verkauft und sich dabei eine goldene Nase verdient. Pelle Andersson, einst aktiver Kommunist, hat keine Gewissenbisse ob seiner Zusammenarbeit mit dem Hyperkapitalisten Stenbeck: „Man kann kein schlechtes Gewissen haben, weil man den Leuten eine kostenlose Zeitung mit notwendiger Information gibt. Ich bin wirklich kein Angeber, aber auf zwei Dinge bin ich stolz: Ersten hat metro Jugendliche dazu gebracht, eine Tageszeitung zu lesen und zweitens haben Einwanderer erstmals eine verständliche Zeitung. Und der Einstieg mit Metro führt dann vielleicht dazu, dass diese Leute auch andere Tageszeitungen lesen."

Metro-Gründer Andersson würde dies freuen. Ohne große Tageszeitungen – so nämlich seine Überzeugung – funktioniert keine Demokratie. Allerdings: im Zeitalter von Internet, Fernsehen und Radio, von leicht zugänglicher, kostenloser Information, für Nachrichten bezahlt zu nehmen – das sei ein völlig veraltetes Geschäftsmodell. Und dann – bei seinem Urteil über die traditionelle Presse – wird Pelle Andersson drastisch: „Sie sind alle tot, aber sie wissen es noch nicht."

Karin Bock