Geschichte des schwedischen Fussballs

Die eine Hälfte der Bevölkerung bricht in Begeisterungsstürme aus, die andere lässt er völlig kallt, der Fussball. Man kann Fussball spielen, anschauen, sich drüber aufregen – und ... ihn erforschen.

Das historische Institut der Stockholmer Universität zum Beispiel gilt als international bahnbrechend mit seiner umfangreichen Sportforschung. An der Universität von Lund beschäftigte sich Thorbjön Andersson mit dem Thema in seiner Doktorarbeit zur Geschichte des schwedischen Fussballs.

"Dieses Geschrei..."
Das Göteborger Ullevi-Stadion am 24. Juni 1958: im Halbfinale bei der Fussballweltmeisterschaft gewinnt Schweden gegen Deutschland 3:1. In Göteborg tobt das Publikum, in Deutschland tobt die Presse. Aus der Frankfurter Rundschau am Tag danach: "Dieses Geschrei, das wie ein Peitschenhieb auf die Mannschaften herniedersausste und ständig die Tribüne erbeben liess, setzte sich 90 Spielminuten lang ohne Pause fort und sollte, welchen anderen Zweck hätte es auch haben können, den Gegner fertig machen, seine Nerven zerreissen."

Die Frankurter Rundschau schlägt dem internationalen Fussballverband vor, einen Knigge fürs Fussballpublikum herauszugeben. Die FIFA geht sogar noch einen Schritt weiter: organisiertes Zurufen wird nur noch vor und nach dem Spiel sowie in der Halbzeit zugelassen. Ein Stück schwedisch-deutsche Fussballgeschichte, die fast 40 Jahre lang von Rivalität und Querelen um die Disziplin des Publikums behersscht war. Das hat Thorbjörn Andersson in seiner Forschungsarbeit über den schwedischen Fussball herausgefunden. Die WM 1958 war der Höhepunkt für die schwedischen Kicker bisher, aber überall in Europa sind die 50er Jahre Blütezeit des Fussballs: "Das liegt vor allem daran, dass während des Krieges nicht gespielt wurde. Es gab also einen Nachholbedarf und da kam es zu diesem enormen Aufschwung mit den klassischen Publikumsrekorden. Das hatte sicher auch mit dem Lebensstandard zu tun. Viele konnten sich ein Auto leisten und zu Fussballspielen fahren. 1959 zählte die schwedische Bundesliga im Schnitt 13 000 Zuschauer pro Spiel, heute lässt sich mal knapp die Hälfte des Publikums mobilisieren."

In Schweden hatte der Fussball keinen guten Start
In seinen Anfängen in Schweden, um 1880, war der Fussball gar nicht so populär. Im Gegenteil gehörte das runde Leder zum Zeitvertreib junger Männer in den oberen und mittleren Gesellschaftsschichten. Fussball war wie im Ursprungsland England etwas Elitäres, gespielt von Gymnasiasten und Büroangestellten nach den strikten Regeln des englischen Gentleman-Ideals mit Disziplin und Selbstbeherrschung im Mittelpunkt. Dann aber, im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts, wechselt der Fussball die Klasse und breitet sich in den Reihen der Arbeiter aus. Neben IFK in Malmö entstehen nun die ersten Arbeiter-Fussballvereine, Sandviken und Jonsered. Die Ursache dafür sieht Thorbjörn Andersson vor allem in der Identifikationsmöglichkeit. Spieler eines Orts oder eines Clubs bauen eine eigene Identität und ein besonderes Selbstbewusstsein auf – und das klassische Männlichkeitsideal. Aber die Zeiten ändern sich. "In den 50er Jahren ist der Fussball etwas für harte Männer. Dann aber, in den 60ern und 70ern betreten die Frauen den Platz. Der Fussball wird demokratischer. Dabei büsst er allerdings etwas von seiner Rolle als männliche Sportart ein. Das zeichnet sich auch im Publikum ab. Nicht, dass da so viel mehr Frauen wären, sondern die Gesellschaft wird gleichberechtigter, die Freizeit wird nicht mehr so stark von männlichen Aktivitäten geprägt, sondern von allen möglichen Beschäftigungen, bei denen auch die Frauen ein Wörtchen mitzureden haben. Der Familienvater fährt mit ins Landhaus statt zum Fussballspiel."

Es scheint, als habe sich der Verlust an Männlichkeit als Fussballideal vom Spielfeld ins Publikum übertragen. Wie überall in Europa ist auch Schweden von gewalttägien Schlachtenbummlern nicht verschont geblieben. Man muss isch darüber im Klaren sein, so Thorbjörn Andersson, dass Fussball von Anfang an ein brutales Spiel ist. "Das Spiel stammt aus dem Mittelalter in England. Da trafen sich mitunter ganze Dörfer zum Spiel und prügelten sich währenddessen. Es wurde erst später reguliert und diszipliniert, aber die gewaltsamen Züge im Fussball, die blieben. Es ist ein hartes Spiel und hat auch etwas Provokatives. Es läuft darauf hinaus, den Gegner zur Weissglut zu bringen, dieser wiederum muss sich in Selbstbeherrschung und Selbstkontrolle üben."

Es zählt Teamgeist
Paradoxerweise sind die Zuschauer bei weitaus gewaltsameren Sportarten wie Eishokey oder Boxen disziplinierter. Thorbjörn Andersson erklärt das mit der sozialen Zusammensetzung des Publikums. Eishockeyzuschauer sind Individuen, Fussballfans sind eine Masse. Mannschaften auf dem Feld schaffen Mannschaften im Publikum. Und im Spiel fördert der schwedische Fussball seit eh und je den Teamgeist: "Die Schweden spielen Mannschaftsspiel. Alle Nationen haben ihre Art Fussball zu spielen. Die Deutschen sind für ein mechanisches, hartes Spiel bekannt, die Engländer für ein technisches. Schweden hat den Ruf, auf Teamarbeit zu setzen. Es ist zum Beispiel kein Zufall, dass die Sportreporter immer ausflippen, wenn ein Spieler so im Alleingang vor sich hin dribbelt. Das hat einen schlechten Ruf im schwedischen Mannschaftsspiel. Er soll den Ball abgeben."

Mit diesem Mannschaftsspiel waren die schwedischen Kicker denn auch oft erfolgreich, auch wenn es zum Gold in den USA 1994 nicht gereicht hat, aber immerhin zum dritten Platz.

Gundula Adolfsson

Grunden i vår journalistik är trovärdighet och opartiskhet. Sveriges Radio är oberoende i förhållande till politiska, religiösa, ekonomiska, offentliga och privata särintressen.
Du hittar dina sparade ljud i menyn under Min lista