Fußfessel erleichtert Strafvollzug

Es geschieht jede Nacht irgendwo in Schweden. Nach einem Barbesuch setzt sich Åke Svensson ans Steuer seines Volvo. Doch an der nächsten Gabelung lauert schon die Polizeistreife. Zwei Promille Alkohol im Blut stellen die Beamten fest, zehnmal mehr, als das Gesetz zulässt. Ein Gericht schickt unseren Sünder für einen Monat hinter schwedische Gardinen. Doch nicht im Knast muss Svensson brummen. Er sitzt die Strafe in der eigenen Wohnung ab - dank Fußfessel.

Das ist in Schweden heute für jeden Verurteilten mit einer Haftstrafe von bis zu sechs Monaten möglich. Am Fußknöchel trägt Svensson einen kleinen Sender - in Schweden „fotboja“, also Fußkette, genannt. Über eine mit dem Telefon verbundene Relaisstation steht das Gerät in ständigem Kontakt mit dem großen Bruder, dem Zentralcomputer der schwedischen Behörde für Gefängniswesen in Norrköping.

Elektronische Überwachung
Schweden begann zu Beginn der neunziger Jahre mit der elektronischen Überwachung zu experimentieren, sagt Kjiel Carlsson, in der Behörde für die Fußketten-Delinquenten zuständig: „Unsere Erfahrung sagt uns, dass ein Gefängnis nicht die Funktion erfüllt, für die es gemacht ist, weil es einen wirklich schlechten Einfluss auf die Insassen hat. Die Intensivüberwachung mit elektronischer Kontrolle ist eine Alternative zum Gefängnis. Genau so glaubwürdig, genau so eingreifend ins Leben, aber ohne die schlechten Einflüsse einer Anstalt.“

1994 wurde ein Pilotversuch in fünf schwedischen Städten gestartet. Seither haben die Behörden rund 15 000 Menschen einen Strafvollzug zu Hause mit elektronischer Überwachung gebilligt. Im vergangenen Jahr erhielten allein 3 000 Straftäter den Stubenarrest. Finanziell wirkt sich dies positiv aus: ein elektronischer Hafttag kostet die Steuerzahler knapp 100 Mark, die Anstalt schlägt mit dem Vierfachen zu Buche. „Ein Ziel bei diesem Versuch war sicher, Geld zu sparen und Gefängnisplätze zu schließen. Wir konnten die Kosten für den kurzen Vollzug um rund 100 Millionen Kronen im Jahr senken, das entspricht etwa 400 Haftplätzen oder 10 mittelgroßen Haftanstalten in Schweden“, sagt Carlsson.

Einschränkung der persönlichen Freiheit
In den kommenden Jahren wird damit gerechnet, dass wegen der neuen Haftform landesweit 32 Gefängnisse geschlossen werden können. Die Zahl der Insassen sank in den letzten zehn Jahren um 20 Prozent. Kriminellen Leichtgewichten und Ersttätern brummen schwedische Richter oft und gern auch einen sozialen Dienst an der Gemeinde auf. Die elektronische Haft ist nicht nur billiger, sondern auch humaner, meint Kijel Carlsson, weil sie den Delinquenten nicht aus dem sozialen Netz reißt: „Ganz unbescheiden möchte ich sagen, dass es ein großer Erfolg gewesen ist. Alle, die mit der elektronischen Fußfessel in Berührung gekommen sind, haben sich sehr positiv über diese Art Strafvollzug geäußert. Und die jüngste Untersuchung unserer Behörde zeigt, dass die Zahl der Rückfälle in dieser Gruppe sehr gering ist: 13 Prozent in den letzten drei Jahren, verglichen mit Gefängnisinsassen, da waren es 24 Prozent.“

Die neue Haftform schränkt die persönliche Freiheit auf viel subtilere Weise ein, als der konventionelle Gefängnisaufenthalt. Ein unüberlegter Schritt vor die Haustür und schon geht der Alarm los. Ab und an stehen Inspektoren vor der Haustür um den bis zur letzten Minute verabredeten Tagesablauf zu begutachten. Wegen Trunkenheit am Steuer muss Åke Svensson überdies ein Therapieprogramm für Alkoholiker durchlaufen. Ein einziges Bierchen in der Sommerhitze kann die Eintrittskarte zum nächsten Gefängnis sein. Diesmal mit echten schwedischen Gardinen.

Alexander Budde

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