Gemeinden machen Werbeaktion für Zuzug

Immer mehr Menschen ziehen in die drei grössten schwedischen Städte Stockholm, Göteborg und Malmö. Dagegen klagen die meisten mittleren Städte und erst recht die kleinen Gemeinden über dramatischen Bevölkerungs-Schwund. Immer mehr Gemeinden belassen es aber nicht beim Jammern, sondern versuchen mit besonderen Aktionen, den Trend umzukehren.

Ein dickes Minus steht vor den Bevölkerungs-Ziffern der meisten schwedischen Gemeinden. Je weiter nördlich, desto dicker. Doch selbst Städte in der Nähe von Stockholm haben Grund zum Jammern. Roland Jakobsson von der Stadtverwaltung Arboga leitete deshalb im Herbst 2000 mit Kollegen aus den Nachbarstädten Köping und Kungsör eine Werbe-Kampagne im Stockholmer Hauptbahnhof ein: "Wir müssen unsere Einwohnerzahl erhöhen. Wir sehen unsere Gemeinde als gute Alternative für Menschen, die ruhig und sicher wohnen und nach Stockholm pendeln möchten. Es ist kein Zufall, dass wir hier im Bahnhof stehen – wir wollen Menschen erreichen, die zur Arbeit pendeln und angenehm wohnen möchten."

Pendler beweisen: Es geht auch anders
Gut anderthalb Stunden ist der Zug unterwegs von Stockholm in die drei Städte, die rund 150 Kilometer westlich der Hauptstadt liegen. Rechnet man die Zeit von und zum Bahnhof dazu, dann kommen schnell zwei Stunden zusammen – jeweils morgens und abends. Doch Roland Jakobsson kontert: "Viele Firmen bezahlen die Monatskarte oder rechnen die Pendel-Zeit teilweise als Arbeits-Zeit an. Ausserdem gibt es viele Vorteile: das Wohnen ist billiger. Es ist leichter, ein eigenes Haus zu einem bedeutend niedrigeren Preis als in Stockholm zu kaufen. Die Kinder wachsen mit guter Betreuung auf; die Dienstleistungen stimmen und es gibt viele Aktivitäten. Wir glauben, dass das im Vergleich zum Stress und den hohen Preisen der Grossstadt Konkurrenzvorteile sind."

Die drei kommunalen Wohnungsbau-Gesellschaften sind bei der Werbeaktion von Arboga, Köping und Kungsör mit von der Partie. Denn mit preisgünstigeren Wohnungen können sie leichter Menschen aus Stockholm anlocken, als mit allen anderen Argumenten. Doch obwohl Wohnraum in der Hauptstadt äusserst knapp und äusserst teuer ist, hat die Einwohnerzahl dort in den letzten fünf Jahren um fünf Prozent zugenommen, während sie in den dünn besiedelten Gebieten um vier Prozent abnahm.

Für Gemeinden sind neue Bürger überlebenswichtig
"In Stockholm ist die Arbeitslosigkeit gering und es ist leicht, einen Job zu bekommen. Aber es ist schwer, eine Wohnung zu kriegen. Und da fährt man doch lieber eine Weile zur Arbeit, wenn wir das mit der Wohnung regeln."

Für die kleineren und mittleren Gemeinden in Schweden ist es überlebenswichtig, dass die Einwohnerzahl nicht abnimmt. Denn ein Grossteil der Einkommensteuer fliesst direkt in die Gemeinde-Kasse. Jeder Einwohner weniger bedeutet auch weniger Geld. Doch es ist schwer, mit den Freizeit-Möglichkeiten und dem Kultur-Angebot der Hauptstadt zu konkurrieren. Auch der Arbeitsmarkt ist lange nicht so gut wie in Stockholm, wo Fachkräfte Mangelware sind und gut bezahlt werden.

"Das kommt drauf an. Ich kann nicht mit Arbeitsplätzen in Arboga prahlen. Aber mit guter Hochschul-Ausbildung gibt es auch bei uns Arbeit, unter anderem bei ABB und anderen Technologie-Firmen." Für Roland Jakobsson und seine Kollegen hat sich die Werbe-Aktion im Stockholmer Hauptbahnhof ausgezahlt. Hunderte von Interessenten haben sie angesprochen, und etliche wollen den Schritt wagen und aufs Land ziehen.

Werbeaktionen sollen Image von Gemeinden aufpolieren
Die Werbeaktion von Arboga, Köping und Kungsör ist nicht die einzige. Ragunda in der Region Jämtland zum Beispiel lockte neue Einwohner mit kostenloser Kinderbetreuung: anderthalb Jahre lang konnten die Kleinen umsonst den örtlichen Kindergarten besuchen. Das sparte den Eltern monatlich umgerechnet gut einhundert Mark pro Kind.

Mittelgrosse Städte mit kleiner Universität wie Piteå oder die Hochschule in der Region Dalarna rühren mit verschiedenen Angeboten die Werbetrommel für Studenten: kleinere Seminare und bessere Betreuung als an alten, rennomierten Hochschulen wie Uppsala oder Lund. Hinzu kommt ein garantiert preiswerter Platz im Studentenwohnheim. Die Gemeinden hoffen darauf, dass ihnen die Studenten auch nach dem Hochschulabschluss treu bleiben.

Markus Wetterauer