Multikulti

Babylonisches Sprachengewirr im Stockholmer Vorort Rinkeby

Im Einwanderervorort Rinkeby bei Stockholm werden hundert Sprachen gesprochen. Doch nur eine verschwindende Zahl der Einwohner kennt Schwedisch als Muttersprache. „Die Literatur hält diesen Schmelztiegel am Leben", meint der Buchhändler Reza Mansourie. Und im babylonischen Sprachengewirr der Bibliothek entdecken die Einwandererkinder die Poesie.

Bunt ist der Markt von Rinkeby und vielstimmig. Junge Leute in Lederjacken und Machoposen, feine alte Herren, Frauen mit Kopftüchern am Gemüsestand. Nicht einmal zwei Prozent der Einwohner haben Schwedisch als Muttersprache. Rinkeby-Schwedisch haben Linguisten die eigentümliche Sprachvariante getauft, die hier verbreitet ist.

In der Bibliothek sitzt Marietta Bergström am Computer, Herrin über 50 000 Bücher. In den letzten Jahren ist hier eine der ungewöhnlichsten Sammlungen entstanden. Mit Marietta um die Regale zu streifen ist wie eine Reise über alle Sprach- und Kulturgrenzen hinweg.

Da gibt es Selma Lagerlöf auf Polnisch, Tschechisch und Urdu. Astrid Lindgren auf Slowenisch, Bengali und Romani. Die Abteilungen in Griechisch, Persisch und Türkisch sind die größten. Doch das hängt damit zusammen, welche neuen Einwanderergruppen auf dem Wege nach Schweden sind, sagt Marietta. Kürzlich waren sie in London und haben einen Haufen Bücher auf Somali gekauft.
Marietta zieht ein dünnes Bändchen hervor. Den Umschlag zieren zwei Kamele - auf Somali das Zeichen für Liebe und Leidenschaft. „Hier haben wir ein Buch auf Persisch und den Verfasser kennen wir auch. Das ist Günther Grass. Die Blechtrommel. Die wir hier arbeiten, wissen, dass man dieses Buch anders rum ins Regal stellen muss, weil es von hinten gelesen wird. Wir hatten hier vier Nobelpreisträger zu Besuch. Günther Grass war auch hier und ich habe ihm die Hand geschüttelt und sie mir lange Zeit nicht mehr gewaschen. Das war schon ein Erlebnis.”

Kinder sind die fleißigsten Leser
Die treuesten Besucher und emsigsten Leser sind die Kinder. „Das Problem ist nicht, sie herzulocken, sondern sie wieder nach Hause zu befördern“, sagt Marietta. Hier in Rinkeby gibt es nichts zu tun und in der Bibliothek spüren die Kinder so etwas wie Geborgenheit. Den dritten Sommer schon lädt der Schriftsteller Jasmin Mohamed die Kinder von Rinkeby in seine Poesiewerkstatt. In diesem Jahr ist ein neues Werk herausgekommen, der ganze Stolz der Bibliothekarin. „Dies ist ein schöner kleiner Gedichtband. Den haben vier Schwestern geschrieben, die hier leben. Ihr Vater ist auch Schriftsteller. Das gibt es auf Arabisch und Schwedisch. Es heißt Ny värld i snö. Der Schnee ist ungeheuer faszinierend für sie, weil das etwas Neues ist. Schnee kommt in allen Variationen vor. Sehr schöne, sehr ungewohnte Bilder.“

Eine Treppe abwärts vom Marktplatz liegt Rinkebys einziger Buchladen, Alfabet Maxima. Draußen hängen zahlreiche Flaggen und Wimpel. Innen stapeln sich englische, spanische und arabische Zeitungen unter einem riesigen Che Guevara-Plakat. Auf den Regalen ringsum Wälzer aus aller Welt.

Ein vielseitiger Buchhändler
An der Kasse steht Reza Mansourie. Wohl der originellste Buchhändler in ganz Stockholm, aber ständig vom Konkurs bedroht. „Es ist gut auf seine Weise. Du triffst unterschiedliche Leute, kannst Erfahrungen austauschen, diskutieren. Es gibt Leute aus allen Nationen, die das hier als ihre Heimat empfinden. Hier lesen sie die Bücher aus der Heimat. Leider nicht in allen Sprachen, die hier gesprochen werden. Aber auf 57 Sprachen bringe ich es schon. Das macht einen schon zufrieden. Rein geschäftlich gesehen, sieht es allerdings finster aus“, sagt Mansourie.

In seinem Heimatland Iran war Reza Hautarzt. Politisches Engagement zwang ihn zur Flucht ins ferne Schweden. Nach Jahren der Arbeitslosigkeit machte er den Fremdsprachen-Buchladen auf. Lateinamerikaner, Iraner und Kurden kaufen vor allem politische Literatur, hat Reza beobachtet. Finnen eher Romane und Alltagswälzer. Die haben nicht so viele Probleme in der Heimat, vermutet er.
Umsatz und Gewinn scheinen nicht das Wichtigste zu sein, im Alfabet Maxima. Literatur, das sei für ihn wie ein Fenster in eine andere Welt, sagt Reza. Aber auch ein Stückchen Heimat für die Wanderer zwischen den Welten. „Für mich ist das nicht einfach nur Papier oder ein Buch. Es ist das Leben selbst, Geschichte, Bewegungen, Stimmen, der menschliche Wille. Es bedeutet ganz viel für mich.“

Einsame Grübler gibt es im Buchladen. Aber auch wilde Diskussionen unter den Stammkunden. Die lesen die Bibel oder den Koran. Und manche gehörten Parteiungen an, die sich in der verlassenen Heimat bis aufs Messer bekämpften. Im Buchladen kommen sie alle zusammen. Es sind die Bücher, sagt Reza die diesen Schmelztiegel am Rande Stockholms am Leben halten.

Alexander Budde

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