Keine Berührungsängste bei Stammzellenforschung

Schwedische Wissenschaftler haben bei der weltweiten Jagd auf die Stammzellen die Nase vorn. Die neue Biotechnologie eröffnet ungeahnte Möglichkeiten, schwerste Krankheiten zu heilen. Aber sie weckt auch Emotionen. Die Debatte um embryonale Stammzellen wird in Schweden längst nicht mehr nur von Wissenschaftlern und Ethikern geführt.

Der heute vierjährige Julian aus Deutschland verdankt sein Leben einer Stammzellen-Behandlung im Universitätskrankenhaus Huddinge in Stockholm. Die Ärzte in Deutschland diagnostizierten am ungeborenen Kind die gleiche schwere Immunerkrankung, wie bei Moritz, Julians älterem Bruder. Moritz musste schmerzhafte Knochenmark-Transplantationen über sich ergehen lassen. Das sollte dem Bruder erspart bleiben. Noch im Mutterleib wurden Julian Stammzellen gespendet, die innerhalb weniger Wochen den Zelldefekt beseitigten. Der Rohstoff ist rar. Die Zellkulturen sind schwer zu gewinnen. Und um die Stammzellen aus menschlichen Embryonen, aus denen alle Gewebe des Körpers erwachsen können, ist ein Ethikzwist entbrannt. In Schweden lässt die Gesetzeslage die Ausbeutung überflüssiger Föten nach Abtreibung und künstlicher Befruchtung zu. Schwedische Wissenschaftler haben bei der weltweiten Jagd auf die Stammzellen die Nase vorn, meint Magnus Westberg, Professor der Uniklinik Huddinge, wo Julian behandelt wurde:

"Nur Stammzelen benutzt, die zerstört worden wären"
"Embryonale Stammzellen sind wirklich verheissungsvoll. Sie können andere Zellen ersetzen. Und es sind ja gerade die weit verbreiteten Krankheiten, die wegen Zelldefekten auftreten. Zum Beispiel Diabetes, Parkinson oder Herzinfrakt."

Für ihre Forschung, so waren sich die Wissenschaftler bislang einig, werden nur Embryonen benutzt, die sonst zerstört wurden. Die meisten sind künstlich gezeugt worden, um Paaren mit Fortpflanzungsproblemen zum ersehnten Nachwuchs zu verhelfen. In der Regel würden für diese Prozedur mehr Eizellen als nötig befruchtet und dann eingelagert, erläutert Westberg.

"Die Zellen, die wir einsetzen, stammen von Föten, die abgetrieben wurden. Also, von Frauen, die ihre Zellen gespendet haben. Wenn es um embryonale Stammzellen geht, dann sind das meist überflüssige befruchtete Zellen. Beide Zellformen wären sonst vernichtet worden. Und ich meine, dass die Eltern darüber entscheiden sollten, wozu diese Zellen benutzt werden dürfen."

In vielen europäischen Ländern ist die Stammzellenforschung ganz verboten. In Deutschland soll ein Nationaler Ethikrat bis Ende des Jahres Position zum Import embryonaler Stammzellen beziehen. Doch nirgends wird die Debatte um den Umgang mit embryonalen Stammzellen derzeit so emotionsgeladen geführt wie in den USA. Die meisten Bio-Tech-Experten arbeiten in staatlich finanzierten Programmen. Die Mittel für ihre Projekte hat Präsident George W. Bush direkt nach seiner Amtsübernahme eingefroren. In Schweden stehen allen voran die wertkonservativen Christdemokraten hinter der Debatte.

Christdemokraten kritisieren Stammzellenforschung
Für Parteiführer Alf Svensson geht es um nicht weniger als das Recht auf Leben, so klein und unentwickelt es auch ist. Und Svensson scheut sich nicht, auf ein dunkle Kapitel in der Geschichte des Landes anzuspielen: Die tiefe Verstrickung schwedischer Mediziner in Eugenik und Euthanasieprogramme im Stile der Nationalsozialisten. "Es gibt auch eine Geschichte in unserem Land. Eine Geschichte, wo wir uns in der Medizin so verhalten haben, dass wir es lieber ungeschehen machen wollten. Heute haben wir die Möglichkeiten, mit dem Leben zu experimentieren. Ganz andere Möglichkeiten, damit zu spielen. Darüber muss man nachdenken."

Im Oktober will der Wissenschaftsrat Richtlinien für den Umgang mit Stammzellen aufstellen. Für Julians Mutter steht schon heute fest, wie das Gremium entscheiden sollte: "Wir leben ein ganz normales Leben mit Julian. Ich danke jeden Tag, dass uns hier geholfen wurde."

Alexander Budde

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