Hygiene und Gesundheit

Dass - aus der Geschichte des schwedischen „Örtchens“

Man spricht nicht gerne drüber, und doch hat jeder täglich damit zu tun: das Klo. Im ländlichen Schweden war es in einem kleinen Häuschen, einige Meter weg vom Wohnhaus untergebracht. In Städten wie Stockholm dauerte es bis weit ins 20. Jahrhundert, bis alle Wohnungen eine moderne, hygienische Toilette mit Wasserspülung besaßen. Zwei schwedische Autoren haben eine echte Klolektüre verfasst.

Göran Bergholm und Ulf Kjellin haben sich mit der Geschichte des anrüchigen Örtchens beschäftigt. 150 Kochbücher haben schwedische Verlage im vergangenen Jahr herausgebracht - deshalb sei es höchste Zeit, dass sich mal jemand um die Konsequenzen kümmere. Ein leichtes Grinsen kann sich Göran Bergholm nicht verkneifen, wenn man ihn fragt, wieso er sich gerade mit der Kulturgeschichte der Toilette beschäftigt - jener Bedürfnisanstalt, die früher außerhalb der Wohnung untergebracht war und im schwedischen schlicht „dass“ heißt.

Kollektives aufs Klo gehen
„Im 18. Jahrhundert konnte man ‚scheissen’ sagen. Im 19. Jahrhundert drückte man sich dann etwas gewählter aus. Gleichzeitig wurde der deutschsprachige Einfluss in Schweden stärker. Um etwas vornehmer zu sein, sagte man, man gehe ‚auf das Haus’. Später wollte man noch diskreter sein, ließ ‚Haus’ weg und sagte nur noch ‚ich gehe auf das’. So entstand das Wort ‚dass’ im Schwedischen.“

Doch das stille Örtchen mit dem Herz in der Tür war keineswegs so still und einsam wie heute. Eigentlich logisch: man isst gemeinsam, also sitzt man auch gemeinsam auf dem Thron. „Auf das Häuschen konnte man gemeinsam mit acht bis zehn Personen gehen“, berichtet der Abort-Historiker. „Das war bis ins 19. Jahrhundert üblich. Da saß die ganze Familie. Oder die Männer allein erörterten Eheprobleme oder sprachen über die Kinder oder trafen Vereinbarungen. Das war ein Raum für geheime Gespräche. Und daher kommt das Wort ‚hemlighus’."

Hemlighus, das geheime Haus - das Örtchen, auf dem geheime Gespräche geführt wurden, auf dem über das Leben philosophiert und ein Problem gelöst werden konnte.

Hygienische Verhältnisse in Stockholm katastrophal
Zum wachsenden Problem in den Städten wurde dagegen die stark steigende Einwohnerzahl im 18. und 19. Jahrhundert - und mit ihr die wachsende Menge an Kot und Urin, erklärt Null-Null-Experte Ulf Kjellin. „Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war Stockholm die vielleicht dreckigste Hauptstadt in ganz Europa. Man hatte sich nicht um die Beseitigung der Exkremente gekümmert. Alles floss durch die Rinnsteine in den Straßen. Man leerte die Töpfe durch die Fenster. Widerlich!“

Die Bewohner von Stockholm mussten den üblen Geruch ertragen. Mehr noch: die Fäkalien sammelten sich häufig in der Nähe der Brunnen. Krankheiten wie Cholera breiteten sich über das Trinkwasser rasend schnell aus und rafften Tausende dahin. Erst mit dem Aufbau von Wasserleitungen und mit der Kanalisation der Abwässer gelang der Sieg über die tödlichen Bakterien und die ekligen Gerüche.

Wer Geld hatte, konnte freilich zumindest im Sommer schon vorher aus der Stadt verschwinden. „Als Dampfmaschinen in Booten und Zügen aufkamen, flohen diejenigen aus Stockholm, die sich das leisten konnten. Die ersten Sommerhäuser stehen ganz oben auf den Bergen, wo es Wind und Sonne gibt, die sie durchwehen. Es war also die Technik, die es den besser Gestellten ermöglichte, den Unannehmlichkeiten aus dem Weg zu gehen.“

Das „Wasserclosett“ tritt seinen Siegeszug an
Von einer weiteren technischen Errungenschaft profitierten später auch die einfachen Leute. Als das Plumpsklo durch das „Wasserclosett2, das WC, ersetzt wurde, verwandelte sich das Geschäft auf dem Abtritt zu einer weniger anrüchigen und mehr hygienischen Angelegenheit.

Seitdem rauschen mit jeder Spülung zehn Liter Trinkwasser in die Kanalisation - für Ulf Kjellin die reinste Verschwendung. „Ich glaube nicht, dass Wassertoiletten noch lange existieren werden. Vielleicht noch eine Generation. In bestimmten Gegenden auf der Welt gibt es Riesenprobleme mit der Wasserversorgung, Australien, zum Beispiel. Oder Mexiko-Stadt mit seinen Schwierigkeiten, das Abwasserproblem in den Griff zu bekommen. Also, ich glaube, dass auf diesem Gebiet etwas geschehen wird.“

Die staatliche schwedische Entwicklungshilfeorganisation Sida jedenfalls arbeitet schon in dieser Richtung. Seit mehreren Jahren verbreitet sie in Ländern wie Vietnam Trockentoiletten. Bei ihnen werden die menschlichen Ausscheidungen in einem Behälter gesammelt, getrocknet und von Bakterien zersetzt, bevor sie auf den Feldern ausgebracht werden. Das hat drei Vorteile: die Einrichtung ist einfach und billig, man spart Unmengen an Wasser, und Keime und damit Krankheiten können sich nicht so leicht verbreiten.

Markus Wetterauer

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