Alte Brigg auf neuer Werft

In Stockholm leben alte Handwerkstraditionen wieder auf. Auf der Insel Skeppsholmen, zu Deutsch Schiffsinselchen, wird ein Segelschiff aus dem 19. Jahrhundert nachgebaut.

Es sieht aus wie ein umgedrehtes Dinosaurier-Skelett: 55 riesige Querstreben aus massiver Eiche strecken sich in die Höhe, gehalten einstweilen nur von einzelnen Außenplanken. Drumherum Gerüst und Plastikdach, Berge von zersägten Eichen aus Schweden, Dänemark und Deutschland. Material für mächtige Spanten und Planken, längs- und Querstreben, die das Schiff zusammenhalten. Vier Jahre nach Baubeginn, nimmt der Körper der Stockholmsbriggen langsam Form an.

Auf Zeichnungen und Bildern im Baubüro lässt sich bereits erahnen, wie das Schiff einmal stolz im Wind segeln wird: ein Zweimaster mit Quertakelage und cirka 700 Quadratmetern Segelfläche. Pressesprecher Lennart Westin kennt seine Ursprünge: "In den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts war die Brigg das meistgebaute Frachtschiff, fast 400 davon gab es in Schweden. Sie galten als gute Segelschiffe, wurden aber verdrängt, weil sie zu viel Besatzung im Verhältnis zum Lastvolumen forderten.

Briggs sind selten
Heute ist keine einzige Brigg erhalten, aber es gibt einige Enthusiasten, die sich für die Schiffsart interessieren. Im Marine- und Seefahrtsmuseum und im Kriegsarchiv wurden sie fündig: Ausführliche Zeichnungen einer Brigg mit Namen Gladan kamen zum Vorschein. Und weil der Schiffstyp als zuverlässig und gut zu segeln gilt, sagten sie: "Laßt uns ein solches Schiff in Stockholm bauen."

Vorangetrieben wird die Arbeit von einem Verein, der gleichzeitig als Aktiengesellschaft arbeitet. Die umgerechnet knapp sechs Millionen Mark, die das Bauprojekt kosten soll, werden bei öffentlichen und privaten Geldgebern eingetrieben. Ein Viertel der Summe ist auf diese Weise schon zusammengekommen. 7500 Mark kostet jede der 55 Spanten des Schiffs-Skeletts. Stolz verkünden kleine Aufkleber an ihrer Außenseite die edlen Spender.


Faustregel: eine Stunde pro Zoll
Im Inneren des Schiffes wird fieberhaft gearbeitet. Robert Jonsson bereitet den Einbau einer Längsstrebe vor. Damit das Eichenholz sich der Form des Schiffskörpers anpaßt, wird es zuvor ins Wasserbad getaucht, erzählt der Zimmermann.

Eine Stunde pro Zoll, lautet die Faustregel - die Breite der Streben wird in englischen Masseinheiten angegeben. Dann kommen sechs Zimmermänner und eine Zimmerfrau zusammen, um das 12 Meter lange Brett an seinen Bestimmungsort zu hieven, ein weißer Strich parallel zur gedachten Wasseroberfläche zeigt ihnen die genaue Lage an. Mit Zwingen und Stützbrettern wird das Holz vorübergehend befestigt. Die Feinarbeit besorgen Hammer und Justierbrettchen. Mit einem Keil treibt Tobias Ed den wuchtigen Balken auf die richtige Höhe: "Das muss schnell gehen, wenn die Planken sich noch biegen lassen und warm sind. Je mehr Erfahrung man hat, desto besser. Aber keiner von uns hat so ein Schiff bisher neu gebaut. Die meisten haben ähnliche Schiffe renoviert."

Nach gut 20 Minuten sitzt die Planke, die Männer haben sich eine Mittagspause verdient. Und es wird nicht die letzte sein. Erst in zwei Jahren soll die Stockholmsbriggen in See stechen. Als Schulschiff, um Stockholm im Ostseeraum zu repräsentieren oder einfach nur im Auftrag wohlhabender Chartergäste. Und vielleicht wird sie so berühmt wie ihre Vorgängerinnen.

Agnes Bührig

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