Populärwissenschaftliche Voreingenommenheit gegenüber Roma

Indignation und Kritik ruft ein Artikel der renommierten populärwissenschaftlichen Zeitschrift "Illustrerad Vetenskap" hervor. Die Art, wie über die Eigenarten und Gewohnheiten von Roma und Sinti berichtet werde, sei ein Skandal, tadelt der schwedische Presseombudsman.

Allen wohlmeinenden Solidaritätsbekundungen zum Trotz gehören die Roma bis heute zu den am schärfsten ausgegrenzten Minderheiten in Europa. Zu tief sitzen die jahrhundertealten Vorurteile gegen die so genannten Zigeuner, zu wenig ist in der Öffentlichkeit über die Vergangenheit, die Lebensweise und die Kultur des "fahrenden Volkes" bekannt. Das größte populärwissenschaftliche Magazin des Nordens, "Illustrerad Vetenskap" wollte im Oktober 2001 zur Aufklärung beitragen. Doch der Aufsatz unter dem Titel "Europas Bohemiens" stieß auf einhelliges Entsetzen und Empörung.

Vorurteile werden bestätigt anstatt beseitigt
"Sie klauen wie die Raben, entführen kleine Kinder, sind heimatlose Vagabunden und arbeitsscheue Schmarotzer" - kein Vorurteil war und ist abwegig genug, wenn über Roma und Sinti gesprochen wird. Seit dem Herbst 2001 sind die Leser der größten skandinavischen populärwissenschaftlichen Zeitschrift "Illustrerad Vetenskap" um einige Ansichten reicher.

"Der Kern ihrer Kultur und ihres Lebensstils ist der Protest gegen jede Form der Registrierung und gegen alle Regeln - zumindest solche Regeln, welche die Gadsche - also die Nicht-Zigeuner - aufgestellt haben", heißt es im Duktus einer wissenschaftlichen Beweisführung. Und weiter: "Für die Roma ist es zum Beispiel ein Sport, das Mitleid der Weißen hervorzurufen, in dem sie mit Krücken und einem hungrigen Kind auf dem Schoß betteln. Oder den Sozialarbeitern vorzugaukeln, wie ärmlich und unbemittelt sie sind, um dann laut zu lachen über die naiven Gadsche mit all ihren Almosen, die ihnen auf den Leim gegangen sind."

"Volk wird gegen uns aufgehetzt"
Gustav-Dimitri Friberg, Sekretär der Kulturhistorischen Vereinigung der schwedischen Roma, hat die Zeitschrift und ihren Verfasser, den dänischen Ethnologen Inge Damm bei der Polizei angezeigt. "Ich war wütend, das war meine erste Reaktion. Wann werden sie endlich aufhören, so über uns zu denken? Was in dem Artikel steht, das wurde schon vor 50 Jahren über uns geschrieben, auch schon vor 100 Jahren."

Mit den pauschalen Werturteilen über die Natur der Zigeuner bestätige das Blatt jene Vorurteile und Stereotypen, die ohnehin weit verbreitetet seien. Friberg fühlt sich tief gekränkt. "Das bin ich, der da beschrieben wird. Meine Eltern, meine Verwandten, meine Kusinen. Und dazu hatten sie kein Recht. Nicht auf diese Weise. Und dann denke ich auch: Man darf nicht pauschal über ein ganzes Volk urteilen, auf diese Weise verallgemeinern. Nach dem Motto: Jetzt haben wir einen Ethnologen, der eine Untersuchung über Zigeuner gemacht hat - und so sind sie! Als ob alle Zigeuner auf der Welt so leben. Auf diese Weise hetzen sie das Volk gegen uns auf."

Chefredakteur: "Artikel erfüllt seine Aufgabe"
Der Artikel habe nichts Fundiertes über Europas Roma zu sagen, meint auch der schwedische Presseombudsmann Olle Stenholm. Das so etwas in einem populärwissenschaftlichen Magazin mit einer Auflage von 300 000 Exemplaren auftauche, hält Stenholm für einen Skandal.

Doch Jens Matthiesen, Chefredakteur von "Illustrerad Vetenskap" verteidigt sich gegen die Proteste. Einige Formulierungen seien unbeholfen und missverständlich, aber im Großen und Ganzen habe der Beitrag seine Aufgabe erfüllt, nämlich "Interesse für eine faszinierende Kultur" zu wecken.
Über die ganze Welt verstreut leben Roma. Rund acht Millionen sind es in Europa. Einige Tausend in Schweden.

Dabei ist bis heute außerhalb der Roma-Gemeinden wenig über ihren Alltag bekannt, meint Gustav-Dimitri Friberg. "Es ist nicht leicht, als Roma in Schweden zu leben. Wenn ich sage, dass ich Roma bin, sehen mich die Leute mit anderen Augen. Ich kann sehen, was sie denken: Dass ich ein unehrlicher Mensch bin. Jemand, der sie anlügt. Meine Familie lebt seit über 100 Jahren in Schweden. Aber wir haben uns nie zeigen können, uns nicht selbst erklären können. Und ich denke, dass ist ein Grund, warum es solche Vorurteile über uns gibt."

Alexander Budde

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