Fall einer Sportikone: Ludmila Engquist

Die Leistungssportlerin Ludmila Engquist ist ein Phänomen: Als Hürdenläuferin erstritt sie Medaillen für ihre alte Heimat, die UdSSR, überstand dort eine Dopingaffäre und erlief - im Rekordtempo zur schwedischen Staatsbürgerin befördert - Siege bei Weltmeisterschaften und Olympisches Gold. Es folgten ein Comeback als Hürdenläuferin nach einer Krebserkrankung, und danach ein neuer Anlauf zu Spitzenleistungen - diesmal im Wintersport, als Bobfahrerin. Das Bild der Sportlerin mit dem eisernen Siegeswillen scheint nach Engquists Doping-Bekenntnis zerstört: Sportverbände und schwedische Öffentlichkeit reagieren mehrheitlich negativ.

Gerade noch war Ludmila Engquist eine schwedische Vorzeigesportlerin, in der schwedischen Öffentlichkeit war sie gefeiert und hoch angesehen, von schwedischen Medien wurde sie hofiert und Sponsoren spannten sie gerne vor ihren Werbekarren. Nachdem sie am Sonntag allerdings zugegeben hat, verbotene Doping-Präparate eingenommen zu haben, ist all das schlagartig vorbei: Werbepartner haben die Verträge gekündigt, Engquists Konterfei soll so schnell wie möglich von ihren Produkten verschwinden.

Keine Parallelen zwischen Engquist und anderen schwedischen Sportlern
Viele Schweden äußern sich entsetzt bis verärgert über Engquists Griff zu anabolen Steroiden und auch der schwedische Leichtathletikverband distanziert sich von einem seiner ehemaligen Aushängeschilder. Manschaftskapitän Ulf Carlsson: "Bedauerlich, daß die Bevölkerung wahrscheinlich Engquists Vergehen mit schwedischem Sport insgesamt verbindet. Das wäre falsch, es gibt kein Gleichzeichen zwischen Engquist und heutigem schwedischen Sport."

Tatsächlich hat das Sozialministerium jedoch festgestellt, daß viele schwedische Sportler dopen: 800 Fälle sind es jährlich, und zwar nicht nur im Leistungssport. Dennoch ist es unwahrscheinlich, daß die Öffentlichkeit Ludmila Engquist tatsächlich mit anderen Aktiven gleichsetzt: Die Tageszeitung Dagens Nyheter vermutet vielmehr, daß viele Schweden Engquist insgeheim sozusagen die schwedische Staatsbürgerschaft aberkannt haben. In der öffentlichen Meinung ist sie nicht mehr die gefeierte schwedische Athletin, sondern eine ehemalige Sowjetsportlerin.

Nicht das erste Doping in Engquists Karriere
Seit Engquists Eingeständnis spielen ihre Sportkarriere in der UdSSR und ein früherer Dopingfall plötzlich wieder eine Rolle - eine Vergangenheit, die wie weggewischt war, solange die Sportlerin ihrer neuen Heimat Schweden Medaillen bescherte. Die Gründe, aus denen Ludmila Engquist zum Doping griff, interessieren heute weniger. Doch Engquist hat die anabolen Steroide u.a. wegen des hohen Leistungs- und Erfolgsdrucks eingenommen, meinen die Experten: Sie wollte trotz ihres für Sportler hohen Alters von 37 Jahren weiter Spitzenleistungen erbringen, auch um der Gunst der öffentlichen Meinung willen.

Darüber hinaus vermuten Sportjournalisten einen weiteren Auslöser: Ludmila Engquist ist ein Beispiel für all die Sportler, die sich keine Gedanken über das danach machen und damit perspektivelos am Ende ihrer Karriere angelangen.

Hans-Peter Fischer

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