Ein schwimmendes Daheim im Venedig des Nordens

Wasser ist für die Städteplaner der schwedischen Hauptstadt Segen und Fluch zugleich. Zwar sind die vielen offenen Flächen, die Stockholm durchziehen, ein öffnendes Element und machen den Charme dieser Stadt aus. Doch lassen sich diese eben nicht bebauen, und das ist mit ein Grund für den eklatanten Wohnungsmangel. Immer mehr Menschen helfen sich deshalb damit, dass sie aufs Wasser ziehen.

Rund 400 Haushalte schwimmen, so rechnet die Verwaltung der schwedischen Hauptstadt. Ulf Lindell hat mit seiner Schaluppe "Athene" bei der Insel Djurgården nahe der Stockholmer Innenstadt festgemacht, aus - für ihn - ganz offensichtlichen Gründen. "Wenn ich gefragt werde, warum ich auf einem Schiff wohne, stelle ich immer die Gegenfrage, warum das nicht alle tun", lacht er verschmitzt. "Nein aber im Ernst, bei mir war das zu Beginn so eine romantische Vorstellung. Es hat sich jedoch sehr bald gezeigt, dass diese romantischen Vorstellungen nicht immer der Wirklichkeit entsprechen. Trotzdem bin ich dem Charme erlegen. Den Wechsel der Jahreszeiten etwa spürt man hier eben hautnah."

Seit 13 Jahre lebt Lindell schon im Hafen von Djurgården auf verschiedenen Booten. Wind und Wetter haben ihm wenig ausgemacht. "Es schaukelt und im Winter hört man wie das Eis gegen den Schiffsrumpf schlägt. Und wenn es stürmt, gibt es vielleicht Probleme mit der Vertäuung des Bootes."

Gefährlich ist dagegen der Amtsschimmel, denn offiziell existieren die Haushalte auf Booten für die Stockholmer Verwaltung gar nicht, bestätigt Kjell Larsson von der Stockholmer Hafenbehörde: "In Stockholm gibt es ja jede Menge Kais, und wir wissen, dass auf vielen Schiffen Leute richtig wohnen, obwohl das eigentlich nicht erlaubt ist. Daraufhin ist der Stockholmer Stadtrat auf uns zugekommen und hat uns gebeten, die Situation zu untersuchen und generell zu ermöglichen, dass man offiziell auf Booten wohnen kann."

Die Initiative ging von Stadträtin Lena Liljeroth aus, die mehr oder weniger durch Zufall auf das Problem aufmerksam wurde. Beim Schlittschuhlaufen sah sie ein paar heruntergekommene Schiffe, die offensichtlich bewohnt waren. "So lange wie es Stockholm als Stadt gibt, solange haben hier auch Leute auf Booten gewohnt. Nächstes Jahr haben wir ja unsere 750 Jahr Feier. Aber jedesmal, wenn versucht worden ist, Wohnen auf Schiffen in ein Regelwerk zu fassen, gab es eine ganze Menge Schwierigkeiten. Die konnten irgendwie im vergangenen Jahrhundert nicht gelöst werden. Man hat einfach ein Auge zugedrückt und damit das Problem ignoriert", sagt die Kommunalpolitikerin. Vielen Leuten sei es nur Recht gewesen, der Aufmerksamkeit der Behörden zu entgehen. "Andere - wie etwa Familien mit Kindern - hatten Probleme. Sie konnten sich nicht versichern, ihre Kinder nicht im Kindergarten anmelden usw. Jetzt sollen das schnell und unproblematisch gelöst werden."

Die Wörter "schnell und unproblematisch" lassen sich jedoch nicht ohne weiteres mit dem Weg durch die Instanzen der Bürokratie vereinbaren. Kjell Larsson gibt einen Einblick, wie sich seine Hafenbehörde der Frage angenommen hat: "Wir haben uns vor allem damit beschäftigt, wie ein Regelsystem aussehen muss, damit die Leute auf ihren Booten wohnen können. Da sind gleich eine ganze Menge Fragestellungen aufgetaucht: wo man gemeldet ist, welche Adresse man hat und so weiter. Viele verwaltungstechnische Fragestellungen also. Aber wir mussten uns auch fragen, welche Anforderungen wir stellen sollen - in Puncto Umwelt und Brandsicherheit etwa. Wenn die Ansprüche der Abfall- und Abwasserentsorgung erfüllt sind, sollte es zugelassen sein, auf einem Boot zu leben", findet Kjell Larsson.

Anfang 1999 hatte Lena Liljeroth beantragt, das Leben auf den Booten in öffentliche Regeln einzubinden. Ende dieses Jahres werden die Behörden mit ihren Vorschlägen fertig sein. Danach wird sich der Stadtrat mit dem Thema beschäftigen.

Wesentlich besser haben es da die Leute, die in der Nachbargemeinde Solna im Hafen Pampas Marina festgemacht haben. Uno Persson ist einer von ihnen und erklärt kurz und bündig warum: "Schön, bequem, und kein Rasenmähen."

Und nicht nur um den Rasen muss sich Persson nicht mehr kümmern. Der Gemeinderat von Solna hat schon vor zwei Jahren ermöglicht, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Die tatsächlichen Voraussetzungen hat dann der private Betreiber des Hafens geschaffen, erklärt Hafenmeister Christian Barfod: "Pampas Marina ist eigentlich ein Vermieter, wie für normale Wohnungen auch. Wir schreiben also Mietrechnungen. Dafür stellen wir den Bootbesitzern eben den Liegeplatz mit unter anderem einem Vakuum-System zur Verfügung. Das System kann mit einer Fernbedienung Abfall und Abwasser ins kommunale Entsorgungssystem absaugen."

Billig ist der Spaß allerdings nicht. Rund 2.500 Kronen - das sind umgerechnet gut 500 Mark - bezahlt Persson für seinen Liegeplatz mit Entsorgungssystem sowie Wasser- und Stromanschluß.

Neben Perssons Schoner hat der Hafen 30 weitere "Dauermieter". Das sind nicht nur Schiffe sondern auch richtige schwimmenden Villen mit schönem Balkon zur Seeseite hin. Ein Gewinn für den ganzen Hafen, wie Barfod meint, "Die Leute sind sehr positiv eingestellt, und die Nachbarschaft funktioniert sehr gut. Sie halten ein Auge auf die Nachbarschaft. Was unseren Hafen natürlich auch sicherer macht. Denn Diebstähle kommen so gut wie überhaupt nicht vor."

Das wache Auge der Hausbootbesitzer ist den übrigen Bootseignern höchst willkommen. Barfod ist der Meinung, dass auch andere Häfen den Hausbooten gute Möglichkeiten schaffen sollten. Stockholm ist auf dem Weg dorthin. Doch die Hausbootbesitzer geben sich keinen Illusionen hin. Wenn sie einmal vom System der Behörden erfasst worden sind, wird es nicht lange dauern, bis sie für ihr Wohnen auf dem Wasser neben den Abgaben für Strom und Abfall auch vom Fiskus zur Kasse gebeten werden.

Dieter Weiand

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