Wohnungsmisere Stockholm

„Biete: vier Wohnungen". So überschrieb die schwedische Tageszeitung „Dagens Nyheter" kürzlich das Ergebnis ihrer aktuellen Fahndung nach verfügbaren Mietwohnungen im Großraum Stockholm. Die Nachfrage bei den 26 größten Wohnungsvermittlungen ergab ganze vier Treffer - allesamt in den Außenbezirken. Die heiße Internet-Stadt Stockholm ist als Arbeitsmarkt zunehmend begehrt, doch so manche potenzielle Karriere scheitert an der erfolglosen Wohnungssuche. In Stockholm eine Mietwohnung zu ergattern, das gleicht inzwischen einem Fünfer im Lotto.

Ein Dach überm Kopf will in Stockholm hart erkämpft sein. Das gilt zumindest für all jene, die sich den Kauf einer Eigentumswohnung angesichts der enorm gestiegenen Preise nicht leisten können. In Zeitungsannoncen buhlen verzweifelte Zugezogene um kurzzeitige Untermietverhältnisse zu Wucherpreisen. Ein „richtiger" Mietvertrag lässt sich fast ausschließlich über hervorragende Kontakte oder einen Platz in der Warteschlange ergattern. Für Letzteres ist Durchhaltevermögen gefragt: Mindestens zehn Jahre beträgt die Wartezeit für die Innenstadt.

"Im Moment sehen wir keinerlei Anzeichen für eine Verbesserung der Situation", bedauert Peter-Ove Brogren vom Stockholmer Mieterverband. "Im Gegenteil. Die konservative Stadtregierung betreibt ja aktiv die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen. Der Bestand an Mietwohnungen dürfte also weiter zurückgehen", lautet seine wenig hoffnungsfrohe Prognose.

Wohnungssuchende brauchen Durchhaltevermögen
Weiter durchhalten, bedeutet das für die große Schar all jener, für die die Wohnungssuche inzwischen fast zur wichtigsten Beschäftigung geworden ist. Immer wieder neue Adressen bei wechselnden Vermietern, immer wieder Ärger über unverschämte Preise, stets die Angst, nach dem nächsten Rauswurf gänzlich im Regen zu stehen. Knapp 70 000 Menschen sind derzeit auf der Warteliste der Stadt Stockholm für Wohnungen meist aus öffentlicher Hand registriert.
Gerade mal 4.700 Wohnungen wurden im vergangenen Jahr vergeben. Tendenz für dieses Jahr: eher fallend.

Markus Adler, stellvertretender Geschäftsführer der Deutsch-Schwedischen Handelskammer, ist beunruhigt. Er weist darauf hin, dass seine Organisation gerade jetzt einen großen Bedarf an Neueinstellungen habe, aber der Arbeitsmarkt in Stockholm angespannt sei. Zwar würden viele hoch ausgebildete Leute gern von außerhalb nach Stockholm ziehen, und es gebe gute Arbeit für sie. Aber erschwert werde der Umzug durch die Tatsache, dass Wohnungen im Umkreis von Stockholm kaum zu bekommen seien.

Auch die Wohngemeinschaft, in anderen europäischen Großstädten ein gebräuchlicher Rettungsring zur Abwendung allzu hoher Mietkosten, ist in Stockholm kaum eine Alternative, seufzt Markus Adler. Sich mit Kollegen zusammen zu schließen und gemeinsam eine Mietwohnung zu suchen, damit sei auch nichts geholfen. Es gibt in Stockholm kaum einen Markt für Mietwohnungen dieser Größenordnung und Preisklasse, ist Adlers Schlußfolgerung.

Regierung fordert Kommunen zur Hilfe auf
Die prekäre Lage in Stockholm und anderen Großstädten wie
Göteborg und Malmö hat jetzt gar den Ministerpräsidenten auf den Plan gerufen.
Die Kommunen sollten sich besser um die Beschaffung von Wohnraum kümmern, so Göran Persson. Aber da macht es sich die Regierung zu einfach, findet Berit Göransson vom Stockholmer Baudezernat. "Zwar sind die Kommunen für die Bauplanung verantwortlich. Das stimmt. Aber in wesentlichen Fragen sind uns die Hände gebunden. Da müssten staatliche Maßnahmen her", fordert sie.

In den 90er Jahren sind Subventionen für den Wohnungsbau drastisch gekürzt worden, stattdessen gingen die Steuern nach oben. Ulf Perbo vom Verband der Schwedischen Bauindustrie legt den Finger auf einen weiteren wunden Punkt: "Die Mietregelungen in Schweden schaffen eine Menge Probleme. Es gibt ja keinen freien Markt für Mietwohnungen, sondern wir haben ein gesetzlich
festgelegtes Vergleichsmietensystem. Oft sind die Mieten vergleichsweise so niedrig, dass sich ein entsprechender Neubau für uns einfach nicht lohnt" erläutert Perbo. "Hinzu kommen Unsicherheiten bei der Planung: die Mieter haben nämlich das Recht, nach dem Erstbezug die Höhe der Mieten neu zu verhandeln. All das trägt dazu bei, dass wir am Bau von Mietwohnungen überhaupt nicht interessiert sind und uns stattdessen auf Eigentumswohnungen konzentrieren."

Die Freigabe der Mieten, gänzlich oder nur für Neubauten, sei unerlässlich für die Entstehung eines normalen Mietwohnungs-Marktes. Dies betonen mehrere Untersuchungen, die die Regierung in Auftrag gegeben hat und derzeit auswertet. Doch der zuständige Minister hat sich mit Verweis auf „enorme soziale Konsequenzen" schon kategorisch gegen eine solche Freigabe ausgesprochen. Auch vom Gedanken der Steuererleichterung ist die Regierung wenig angetan.

Wohnungssuchende in Stockholm werden sich weiter mit Geduld wappnen müssen.

Anne Rentzsch

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