Alte Kirchstadt ist Weltkulturerbe

Nur wenige Kilometer von der nordschwedischen Küstenstadt Luleå liegt Schwedens größte und am besten erhaltene Kirchstadt. Die UNESCO erklärte sie 1996 zum Weltkulturerbe. 408 roten Holzhäuschen gruppieren sich um die alte Steinkirche. In ihnen fand die Kirchengemeinde Unterkunft, die an Festtagen über Hunderte Kilometer anreiste. Doch Gammelstad ist auch heute kein Museum: Zu Mittsommer wohnen Jugendliche aus dem ganzen Land in den Hütten. Und die Älteren erinnern sich noch lebhaft an die Brautwerbung in kalten Polarnächten.

"Hereinspaziert!", sagt Ann-Louise Lång. "So kann eine Kirchenhütte heute aussehen. Diese hier ist noch nicht so alt, ungefähr von 1940. ABER hier pflegten meine Eltern als Kirchendiener zu wohnen. Und hier habe ich meine Hochzeitsnacht verbracht, in diesem Bettchen da. Dann hatte man einen Tisch, wo man sitzen kann, es gab schlichte und gute Betten und hier haben wir einen Eisenherd. Manche haben auch einen offenen Kamin. Und, oh, da drüben am Fenster gibt es Eisblumen. Das bringt Glück fürs ganze Jahr, hoffe ich!"

Ann-Louise Lång streift durch die eiskalte Hütte, die plötzlich aus ihrem Winterschlummer erwacht. So lebendig wird, wie diese junge Frau, die ihre Jugend hier verbrachte und heute für das Weltkulturerbe der UNESCO arbeitet.

Gerade mal hundert Menschen feierten Ernennung zum Weltkulturerbe
Fünf Jahre ist es her, da saßen die obersten Kulturwächter im heißen Mexiko zusammen und beschlossen, die Kostbarkeiten Nordschwedens für alle Zeiten zu bewahren. "Wir waren Hunderte Menschen, die hier auf dem Platz standen und feierten", erinnert sich Ann-Louise Lång. " Und fast zur gleichen Zeit kamen auch noch die Nationalparks von Laponia dazu, die Region Norbotten erhielt also gleich zwei Welterben."

Hunderte kleine Holzhäuschen in der so typischen roten Farbe, stehen um die alte Steinkirche herum. Eingeschneit, manche windschief und winzig. In den Gässchen und zwischen eisfunkelnden Giebeln blinzelt die Abendsonne. Es ist kalt, gewöhnliche zehn Grad minus. Das rauhe Klima, das hatten sie hier schon, als sie im 14. Jahrhundert ihre Kirche bauten. Auf einem Hügel, am Kreuzungspunkt wichtiger Handelsrouten.

Der weißverputzte Kirchturm wurde erst Mitte des 19. Jahrhunderts gebaut. Doch das alte steinerne Kirchenschiff lockt mit spätmittelalterlichen Kalkmalereien und einem Altarschrank mit den angeblich schönsten Holzfiguren des Landes. Auf die mächtige Orgel ist Ann-Louise besonders stolz. "Diese riesengroße Orgel wurde von den besten Orgelbauern geschaffen. Sie stammt aus den 70ern. Ich vergesse immer, wieviele Pfeifen sie hat, aber es sind viele. Ein phantastischer Klang."

Kirchenmitglieder kommen von weit her
Die frühe Gemeinde erstreckte sich einmal von der Küste bis hinauf in die Berge zur norwegischen Grenze. Die Gläubigen hatten einen weiten Weg und sollten doch an allen Sonn- und Feiertagen pünktlich in der Kirche sein. Also brauchten sie einen Ort zum Übernachten.

"Mein Dorf liegt gute 50 Kilometer von hier", erzählt Lång. Seine Einwohner mussten einen Tag vorher aufbrechen. Manchmal hat es auch länger gedauert, das kam auf das Wetter an und auf das Eis, denn einige mussten Flüsse überqueren. Die Kirchgemeinde kam mit Pferd und Wagen. Im Sommer ruderten Kähne heran. Und in den dunklen Polarnächten gingen viele auch zu Fuß über das Eis der gefrorenen Flüsse.

"Also, das war so", erzählt Lång: "Im Winter hatten sie Holz und Heu dabei, alle hatten ihre schönsten Kleider an und die Frauen nahmen Fußbäder, bevor sie in ihre schönen schwarzen Schnürschuhe schlüpften. Und dann trug man natürlich Pelz, hat sich warm eingemummelt im Schnee. Wenn Du ankamst, hast Du erst einmal Feuer gemacht. Es war ja eiskalt, weil die Hütten so lange leer standen. Und dann hast Du Kaffee gekocht, bist herum gelaufen und hast Guten Tag gesagt. Das war auch ein Marktplatz für Neuigkeiten. Die Leute hatten keine Zeitung und lebten in kleinen Dörfern. Man wollte wissen, was in den anderen Dörfern passiert ist. Das hier war auch von sozialer Bedeutung."

Tradiotionen werden bewahrt
Bis heute hat sich wenig geändert. Die Hütten sind im Sommer bewohnt. Und sie sind begehrt. Wem es gelingt, eines der Häuschen zu kaufen, der darf sich glücklich schätzen. "Das hier ist nicht als Museum gedacht", sagt die Kustodin. "Wir sind bemüht, dass Gemeindeleben zu bewahren, wir wollen, dass die Leute weiter in ihre Hütten kommen und die Jugendfeiern wieder aufleben zu lassen."

Während des traditionellen Konfirmandenunterrichts wohnen Jugendliche aus dem ganzen Norden in den Kirchhäusern. Und so manche "Brautwerbung" von Hütte zu Hütte endet in einer Liebschaft. "Und dann kam der Johannisabend nach der Sommersonnenwende, da läuteten die Kirchenglocken den ganzen Tag", erzählt Ann-Louise. "Und sie kamen in ihren weißen Kutten und waren phantastisch schön und um sie herum all die stolzen Eltern und Großeltern. Diese Jugendfeiern waren etwas ganz Besonderes. Da kamen Hunderte junge Leute. Mit der Konfirmation galtest Du als erwachsen. Es gab die Gottesdienste und den Marktplatz. Und diese bunten Tüten mit den Süßigkeiten drin, die konnten die Jungs kaufen und den Mädels schenken. Schön war das, so eine Tüte zu bekommen."

Und während Ann-Louise in Erinnerungen schwelgt, sind die Holzdächer schon in das blaue Funzellicht der anbrechenden Polarnacht gehüllt. Dabei ist es gerade einmal halb zwei am Nachmittag.

Alexander Budde

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