"Flüchtlings-Guide" gibt Orientierung

Ein Neuanfang in der Fremde kann spannend und aufregend sein. Doch allzu oft ist er auch verwirrend und frustrierend, zumal für jene, die ihr Heimatland nicht aus freien Stücken verlassen haben. Auch in Schweden, das seine Flüchtlingspolitik in den letzten Jahren zunehmend restriktiv gestaltet hat, schlägt den Fremden vielerorts Misstrauen und Ablehnung entgegen. Daran wollen engagierte Menschen in Stockholm seit Ende 2001 etwas ändern. „Flüchtlings-Guide" heißt ein Projekt, das bei Stockholmern wie bei Flüchtlingen auf großes Interesse stößt.

Jenny Lindblad freut sich auf den Nachmittag. Dann wird sie die kurdische Bibliothek in Stockholm besuchen, gemeinsam mit einem kurdischen Flüchtling aus dem Irak. Er wird Bücher in seiner Muttersprache ausleihen können, hinterher geht man gewiss noch einen Kaffee trinken und redet über dies und das - man kennt sich noch nicht lange, pirscht sich erst mal aneinander heran. Jenny ist gerade dabei, in ihre neue Rolle zu schlüpfen: die Rolle des Flüchtlings-Guides, des Mentors, der den Neuankömmling durch die Wirren des schwedischen Alltagslebens lotsen soll.

"Schon in meiner Heimatstadt Umeå hatte unsere Familie Kontakt mit einer Flüchtlingsfamilie", berichtet Jenny. "Ich fand, solche Kontaktmöglichkeiten müsste es in Stockholm auch geben." Jenny wandte sich an das Büro für Flüchtlingsintegration in Stockholm und traf ins Schwarze: Denn dort hatte man soeben das Projekt Flüchtlings-Guide aus der Taufe gehoben. Seit August laufen dafür bei Annika Hälldin alle Fäden zusammen.

Interesse ist riesig
"Das Projekt hat einen Mitarbeiter, nämlich mich", berichtet Annika Hälldin. "Ich bin als Koordinator für die Guides angestellt worden. Als die Arbeit in Gang kam, habe ich zunächst mal in Tageszeitungen und auf unserer Homepage um Guides geworben, danach ging es dann weiter mit gezielten Informationen an die Flüchtlinge. Ich hätte nicht mit so großen Interesse gerechnet. Im Herbst haben sich an die 80 Stockholmer bei uns gemeldet, die Guide werden wollen. Die Nachricht verbreitet sich von Mund zu Mund, jede Woche kommen ein paar hinzu."

Zwischen 17 und 75 Jahre alt sind die Stockholmer, die einem Flüchtling mit ihren Erfahrungen zur Seite stehen wollen. Bei Annika Hälldin treffen sie sich regelmäßig, das Kontaktnetz arrangiert gemeinsame Aktivitäten von Guides und Flüchtlingen, wie beispielsweise Theaterbesuche oder Ausflüge. Die Flüchtlinge, an die sich das Projekt richtet, haben in einem mehrmonatigen so genannten Integrationskurs schon erste Bekanntschaften mit Schweden gemacht. Knapp 1500 Menschen waren das im vergangenen Jahr in Stockholm. Die meisten von ihnen sprechen bereits ein wenig schwedisch. Dennoch fühlen sie sich hier oft isoliert.

Hilfe von Privatleuten statt von Institutionen
"Auch in Schweden ist die Segregation zwischen Einheimischen einerseits und Flüchtlingen und Einwanderern andererseits ja nicht zu übersehen. Wir sehen unser Projekt als Möglichkeit, dem entgegenzuwirken", sagt Annika Hälldin, und zwar auf eine unkomplizierte, nicht so offizielle Art. Hier sind keine Institutionen beteiligt, sondern ganz normale Privatmenschen."

Die Guides sollen mit Rat und Tat beiseite stehen, wenn es um Kontakte mit Behörden geht oder um Hilfe bei Fragen, die so wichtige Dinge wie Wohnung und Job betreffen. Für viele Flüchtlinge nicht minder wichtig sind sie aber auch als Orientierungshilfe in einem Alltag, der immer wieder Rätsel aufgibt mit all seinen Codes, die nur Eingeweihte zu entschlüsseln verstehen. Da hält zum Beispiel einer sämtliche Stockholmer U-Bahnfahrgäste für Rassisten, weil sie ihn auf der Rolltreppe so böse angeschaut oder gar zur Seite geknufft haben. Nicht wissend, dass er Unwillen deshalb erregt hat, weil er die linke „Überholspur" blockierte - in Stockholm eine Todsünde, die er nach Aufklärung durch seinen Guide nun nicht mehr begehen wird.

"Es gibt so viele Dinge, an die man normalerweise gar nicht denkt und die einem im Treffen mit den Ausländern erst bewusst werden", sagt Peter Jansson. Auch er ist frisch gebackener Flüchtlings-Guide. Seine Freundin Jenny gewann ihn für die Mitarbeit, aber es war nicht schwer, ihn zu überreden, versichert Peter. Der Kontakt mit einem Menschen aus einem ganz anderen Kulturkreis gebe ihm selbst eine Menge neuer Anregungen. Insofern sei die Lotsen-Funktion keineswegs uneigennützig. Auch Jenny sieht sich als unentgeltlicher Guide nicht als Samariter: "Man bekommt eine andere Belohnung als sich in Geld messen lässt, man trifft neue Leute, lernt eine Menge. Der Mann, den wir heute nachmittag treffen werden, ist sehr gebildet, kontaktfreudig, souverän. Oft hört man ja Auffassungen wie: ach, der arme kleine Flüchtling, er ist hilfebedürftig auf jede Weise und wir müssen ihm auf die Sprünge helfen. Diese Auffassung ist falsch. Natürlich freuen wir uns, wenn wir helfen können, aber insgesamt geht es hier um eine gleichberechtigte Beziehung, um Geben und Nehmen."

Beteiligte rühren Werbetrommel fürs Projekt
Der neue Bekannte - und potenzielle Freund, so hoffen die beiden jedenfalls - mag sich noch nicht dem Interview stellen. Er konzentriert vorerst seine Energie darauf, Schweden für sich zu erobern - während Jenny und Peter unterdessen unter Kollegen und Freunden für das Projekt werben.

"Wir haben viel darüber erzählt. Die Leute hatten noch nichts von dem Projekt gehört, aber die meisten fanden, das klingt sehr gut, viele zeigten Interesse", sagt Peter Jansson. Wir werden also weiter Reklame machen.

Anne Rentzsch

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