Stammzellenforscherin: „Ehtische Fragen immer im Blick"

Segen oder Sünde? Die Frage, ob man die Forschung an embryonalen Stammzellen zulassen soll oder nicht, sorgt weltweit für heftige Debatten. Der Hoffnung auf die künftige Heilung schwerer Krankheiten stehen moralische Bedenken gegenüber; in vielen Ländern ist die Forschung am Embryo gesetzlich verboten. Nicht so in Schweden. Dort nähert man sich dem ethischen Minenfeld der Stammzellenforschung eher gelassen-pragmatisch, und die schwedischen Forscher gehören international zu den Vorreitern.

Was der menschlichen Gesundheit dient, muss gefördert werden. So begründete der Nationale Wissenschaftsrat im Dezember seine Entscheidung, der Forschung an embryonalen Stammzellen grünes Licht zu geben. Damit wurde ganz offiziell erlaubt, was ohnehin schon gängige Praxis war: Bereits seit knapp zwei Jahren nutzten Wissenschaftler Lücken im schwedischen Gesetz, das die Embryonenforschung zwar streng regelt, aber nicht grundsätzlich verbietet. Mit der Entscheidung vom Dezember ist die Stammzellenforschung nun aus dem gesetzlichen Vakuum herausgetreten und somit auch berechtigt zu umfangreicherer staatlicher Förderung.

Professor Outi Hovatta vom Führungsteam um die Stammzellenforschung am Stockholmer Huddinge-Krankenhaus hat große Erwartungen: „Natürlich ist noch eine Menge Grundlagenforschung nötig, aber wenn wir erfolgreich sind, dann wird dies ganz bestimmt ein enorm wichtiges Gebiet in der Medizin. Vor allem denken wir an die Behandlung von Diabetes, von schweren nervlichen Krankheiten wie Parkinson und von Herzerkrankungen."

Auf Outi Hovatta und ihr Team richten sich erwartungsvolle Blicke aus der ganzen Welt. Im vergangenen Jahr ersuchten nicht zuletzt Berater von US-Präsident Bush bei den Stockholmer Forschern um Zusammenarbeit; die Gespräche dauern noch an. Outi Hovatta gehört zu den Veteranninen ihres Forschungsgebiets. Schon seit nahezu zwei Jahrzehnten hilft die Leiterin des Zentrums für künstliche Befruchtung am Huddinge-Krankenhaus Paaren bei der Erfüllung ihres Kinderwunsches. Für die Stammzellenforschung werden die überzähligen Embryonen genutzt.

Das Argument, dies sei unethisch, weist die Medizinerin entschieden zurück: „Die ethischen Fragen haben wir immer im Blick, jeden Tag und bei jedem Paar, das zu uns kommt. Bei jeder künstlichen Befruchtung bleiben Embryonen übrig, die ansonsten im Müll landen würden, ohne dass jemand davon Nutzen hätte. Wir sind der Meinung, es zeugt von entschieden mehr Ethik, sie stattdessen für Forschungszwecke zu nutzen. Aber natürlich diskutieren wir in jedem einzelnen Fall mit dem betroffenen Paar. Die Frau und der Mann müssen ihre Zustimmung geben, es ist also auch ihre Entscheidung."

Und die meisten Paare sagen Ja. Überhaupt geht die Debatte um die ethischen Probleme der Stammzellenforschung in Schweden vergleichsweise ruhig vonstatten. Fast alle Parlamentsparteien stimmen dieser Forschung zu. Die geringe Rolle der Religion in Skandinavien trage wohl zu einer pragmatischeren Sicht bei, mutmasst Outi Hovatta. So sorgt man sich denn im pragmatischen wie kinderfreundlichen Schweden traditionell mehr um das geborene als um das ungeborene Leben; das Recht der Frau auf selbstbestimmten Schwangerschaftsabbruch ist Konsens.

Die hitzigen Debatten, wie sie beispielsweise in Deutschland um embryonale Stammzellen geführt werden, kann Outi Hovatta kaum nachvollziehen: „In Skandinavien geht man an das Problem ganz anders heran. Ich habe viele Freude in Deutschland und Österreich und muss sagen, ich kann die dortige Denkweise schwer verstehen. Was kann schlecht daran sein, wenn man einen Embryo, der ohnehin nicht lebensfähig ist, anwendet, um Lösungen für schwere medizinische Probleme zu finden."

Während man sich im Ausland vielfach die Frage stellt, wie das kleine Schweden unversehens zu einem der „ganz Großen" im komplizierten Bereich der Stammzellenforschung habe aufsteigen können, bleibt man in Schweden gelassen.

„Das Umfeld ist günstig. Viele tüchtige Forscher sind am gleichen Platz, und wir unterstützen einander. Es gibt hier viele Forscher, die sich seit langem mit dem Bereich der Zellforschung befasst haben, und gut entwickelte Techniken. Wir haben seit langem finanzielle Unterstützung vom Staat bekommen. Diese Entwicklung ist also ganz natürlich", meint Hovatta.

Sie verweist auf viel beachtete Ergebnisse, die Schweden schon in den siebziger und achtziger Jahren im Bereich der Zellbiologie erzielte. Nicht zuletzt seien die Erfolge eben logische Konsequenz einer langen Tradition freier und von religiöser Einflussnahme weitgehend unabhängiger Forschung. Mit großen Erwartungen sieht Outi Hovatta nun der Zusammenarbeit mit Kollegen aus anderen Ländern wie zum Beispiel aus den USA entgegen. Je mehr Länder in die Stammzellenforschung einstiegen, so sagt sie, desto rascher könne man das große Ziel erreichen, gefürchtete Krankheiten zu besiegen.

Anne Rentzsch

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