Jeden Morgen die Zeitung vorlesen lassen

Ein gemütliches Frühstück und dazu das Blättern in der Morgenzeitung - für manch einen gehört dies zu den schönsten Momenten des Tages. Doch was, wenn man zwar Zeitungsfan ist, aber nicht in der Lage zu lesen? In Schweden müssen Blinde und Sehschwache nicht auf das allmorgendliche Zwiegespräch mit ihrem Lieblingsblatt verzichten. Taltidning - gesprochene oder Sprechzeitung- heißt das Zauberwort: genauso pünktlich wie die Druckausgabe trifft der Zeitungsinhalt auf einer Tonkassette ein.

Es ist 19 Uhr und Hochdruck im Großraumbüro der Tageszeitung Svenska Dagbladet. Bald laufen die Druckerpressen für die letzten Artikel an. Auch Maria Svedberger sitzt die Zeit im Nacken. Maria gehört zur vierköpfigen Sprechzeitungs-Redaktion von Svenska Dagbladet und ist für den morgigen Inhalt verantwortlich. Jetzt macht sie ihre abendliche Runde bei den Ressorts der Druckausgabe. "Als Sprechzeitungs-Redakteurin berate ich mit den Kollegen, welche Themen in ihrem jeweiligen Bereich die interessantesten sind, was also bei uns unbedingt dabei sein muss. Und ich schaue mir an, wie die Artikel im Blatt aussehen werden", sagt Svedberger.

Zeitung über’s Radio
Nach der Inforunde zieht sich Maria an ihren Computer zurück. Konzentrierte Arbeit beginnt: Die besten Artikel aus Innen- und Außenpolitik, aus Kultur, Sport und übrigen Bereichen werden gekürzt und für das Hören aufbereitet. Bandwurmsätze haben kaum Chancen in der Sprechzeitung, die in ein paar Stunden in der gewohnten Länge von 90 Minuten fix und fertig sein soll. Bewährter Partner ist ein Tonstudio in der Stockholmer City. Hier werden die redigierten Texte von Sprechern eingelesen. Und wie geht´s dann weiter?

"Die Zeitung wird über das Radionetz vertrieben. Der öffentlich-rechtliche Sender P1 sendet ja nicht während der Nacht. Diese Stillstandszeit nutzen wir. Auf ein bestimmtes Signal hin ruft P1 die Sprechzeitung vom Kassettengerät oder von der Sounddatei in der Redaktion ab. Wer nachts wach ist, der kann hören, dass da etwas läuft im Radio, aber es klingt ganz eigenartig, der Inhalt ist nämlich kodiert. Die Abonnenten der Sprechzeitung haben nun wiederum daheim einen Dekoder. Der nimmt alles automatisch auf einer 90-Minuten-Kassette auf; die Kassette wird auch automatisch gewendet", erklärt Svedberger. Dem Zeitungs-lüsternen Abonnenten bleiben dann am Morgen nur ein paar einfache Handgriffe: die Kassette raus aus dem Dekoder und rein in ein herkömmliches Kassettendeck. Kaffee auf den Tisch, und schon beginnt die Zeitung zu sprechen:

Tausend Abonnenten für Sprechzeitung
An die 600 Menschen beginnen in Schweden ihren Tag mit Svenska Dagbladets Sprechzeitung, insgesamt abonnieren rund 9.000 Menschen eine Sprechzeitung, von denen es im Lande um die 80 gibt. Die meisten werden wie im Falle von Svenska Dagbladet über das Radio distribuiert. Einige wenige schicken nach alter Manier die Kassetten per Post, und wiederum einige wenige bieten seit kurzem am Computer das elektronische Vorlesen des gesamten Zeitungsinhalts an. Abonnenten sind zumeist blinde oder sehschwache Menschen, aber auch Leute mit Handicaps wie der Lese- und Schreibschwäche. Finanziert werden die Sprechzeitungen samt und sonders vom Staat. 1983 wurde per Reichstagsbeschluss das Recht auf die Zeitung für alle festgeschrieben. Auch Maria Svedberger will nichts wissen von dem oft angeführten Argument, wer nicht lesen könne, der solle doch gefälligst Radio hören: "Das Radio sagt nicht alles! Wenn man viele Jahre eine Zeitung gehabt hat, sich mit dieser Zeitung verbunden fühlt aber im Alter immer schlechter sehen kann, dann will man nicht einfach auf seine Zeitung verzichten, auf seine Lieblingsjournalisten, auf seine witzige Kolumne."

Und apropos Kolumne: Die Leser - auf diese Bezeichnung legt Maria Svedberger wert - die Leser hören ganz genau hin. So beschwerten sich kürzlich zwei ältere Damen bei ihr über einen Kolumnisten, der gern und oft auf Sex anspielt. Im überwiegend betagten Leserkreis kam dies nicht so gut an. Der Journalist wird in der Sprechzeitung von Svenska Dagbladet künftig nur noch spärliche Auftritte haben.

Anne Rentzsch

Grunden i vår journalistik är trovärdighet och opartiskhet. Sveriges Radio är oberoende i förhållande till politiska, religiösa, ekonomiska, offentliga och privata särintressen.
Du hittar dina sparade ljud i menyn under Min lista