Wenn der Doktor mit dem Boot kommt

Das Leben auf den Stockholmer Schären ist nicht immer ganz leicht - denn es müssen Nahrungsmittel auf die Inseln gebracht werden, Post und Benzin, Baumaterial und was man sonst noch alles braucht zum Leben. Und was passiert, wenn jemand krank wird? Nicht jede Insel hat einen eigenen Arzt, und das nächste Krankenhaus liegt in Stockholm, viele Stunden entfernt. Doch für die Gesundheit der Inselbewohner und ihrer Sommergäste sorgt ein Ärzteboot.

Krankenschwester Sirkka sitzt am Steuerrad ihres Ärzteboots. Sie lenkt mit den Knien, gleichzeitig notiert sie die Terminwünsche ihrer Patienten. Mit an Bord die Ärztin Eva Thörnebom und eine Arztpraktikantin. Das große Motorboot fährt heute raus nach Sandhamn, eine beliebte Insel am Rande des offenen Meers.

Das Ärzteboot hat 550 PS und ist 12 Meter lang. Es ist auch von weitem nicht zu übersehen. Grell-orangefarbene Aufschrift, obenauf Sirenen. Innen eine Bahre, Tropf, Tücher, Verbandszeug und andere übliche Praxisutensilien. Für den Notfall ist das Ärzteboot gut ausgestattet: "Wir sind ja immer in Bereitschaft, wenn sich jemand verletzt hat hier in der Nähe. Und sowas können wir ja vor Ort behandeln, so dass die Leute ihren Urlaub weitermachen können. Aber wird ein schwerwiegender Herzinfarkt gemeldet, und es ist zu weit weg für uns, dann alarmieren wir den Hubschrauber", so Sirkka.

Seeärzte brauchen Motorbootführerschein
Sie ist seit 16 Jahren Krankenschwester auf dem Ärzteboot und hat extra für ihre Arbeit den Motorbootführerschein gemacht. Den braucht man natürlich als Krankenschwester zur See. Im Sommer fährt das Boot täglich raus zu verschiedenen Behandlungszentren mit festen Sprechstunden, zu ambulanten Notfällen sowie zu Hausbesuchen. Die gute medizinische Versorgung ist keine Selbstverständlichkeit für die Schärenbewohner. Früher sah das ganz anders aus.

Es gab einen Priester auf Möja, der auch Arzt war, und der kümmerte sich um die Leute. Er hatte auch eine ärztliche Zulassung. Und ganz früher gab es einen Arzt auf Dalarö, Anfang des 20. Jahrhunderts, der auch Heimbesuche machte. Ein Schärenbewohner sagte mal: Damals war es so, wenn mehrere Kinder an einer Epidemie gestorben waren, dann musste ich fahren und den Doktor holen.

Schärendoktor als TV-Held
Per Ullhammer ist in den Schären aufgewachsen und kennt die Probleme der Leute hier. Und er ist der legendäre Schärendoktor, Vorbild für die gleichnamige Fernsehserie. Er wurde Ende der 60er Jahre als Arzt in der Region eingesetzt und hatte die rettende Idee: "Man hatte aufgehört mit Arztbesuchen draußen in den Schären, und wenn die Bewohner krank wurden, gab es keinen, an den sie sich wenden konnten. Da habe ich den Behörden vorgeschlagen, ein Ärzteboot zu starten, versuchsweise im Sommer, für Bewohner wie Sommergäste. Ich habe ein Boot gekauft und einen Zuschuss vom Regierungsbezirk bekommen - so fing das an. Wir haben provisorische Sprechstunden gehalten, was sehr begrüßt wurde. Ja, und dann hat es sich zu dem entwickelt, was es heute ist."

Bis zu seiner Pensionierung 1997 arbeitetet Per Ullhammer rund um die Uhr als Schärendoktor. Keine Zeit, zu der man ihn nicht anrufen konnte - er war immer da für seine Patienten. Inzwischen sind es mehrerer Ärzte, die auf dem Boot in Einsatz sind. Etwa 1000 Leute leben im Bezirk Värmdö, dem Hauptteil der Schären. Dazu kommen zigtausend Sommergäste. Im Winter ist es ruhiger, da hat das Behandlungszentrum auf Sandhamn beispielsweise nur 2 mal im Monat Sprechstunde. Zuwenig, meint Rosmarie Lundin, Mutter dreier Kinder, die das ganze Jahr über auf der Insel lebt: "Da kann man seine Erkältungen nicht immer so gut nach richten, dass es zeitlich hinkommt. Und dann müssen wir aufs Festland fahren - wenn es nicht gerade akut ist. Und das ist schwierig. Wenn ich zum Arzt muss - da geht ein Boot am Morgen und eines am Abend. Da ist der ganze Tag weg. Das ist ja verrückt. "

"Guter Service"
Begeistert vom Ärzteboot sind auch die anderen Inselbewohner, etwa Gernhard Stenhammer, seit 1961 Lotse auf Sandhamn und inzwischen frühpensioniert. Er lässt sich gegen Zecken impfen und ist in 5 Minuten zum Behandlungszentrum spaziert, wo er auch gleich drankommt: "Das ist supergut. Was die Schären brauchen. Ein sehr guter Service. Das ist viel besser hier. Du kannst ja in den Zeitungen lesen wie lange man im Krankenhaus in Stockholm warten muss, bis zu 10, 12 Stunden."

24 Patienten sind an diesem Tag in das Behandlungszentrum auf Sandhamn gekommen, keine Notfälle. Krankenschwester Sirkka macht das Motorboot klar und fährt wieder zurück nach Djurö, dem Heimathafen des Ärzteboots: "Das Schönste an diesem Job sind ja die ganzen phantastischen Menschen die man trifft, die auf ihren Inseln kämpfen und versuchen, ein gutes Leben zu führen. Das ist das Beste daran. "

Katja Bürki

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