Streit um Mammographie

Dass für Krebs bei frühzeitiger Erkennung oft gute Heilungschancen bestehen, ist mittlerweile eine Binsenweisheit. Bei der Mammographie, den Röntgenuntersuchungen zur Früherkennung von Brustkrebs, gehen die Meinungen jedoch auseinander. Mit der Mammographie würde den Frauen nicht geholfen, meinen Kritiker. Sie führe im Gegenteil zu unnötiger Unruhe, falschen Diagnosen und überflüssigen Operationen. Doch eine umfangreiche schwedische Studie belegt jetzt: Mammographie rettet Leben.

6.000 neue Fälle von Brustkrebs werden in Schweden jährlich entdeckt. Hier wie in den meisten Ländern der westlichen Welt ist Brustkrebs die häufigste Krebsform bei Frauen. In der Altersgruppe zwischen 40 und 50 Jahren ist er zudem Todesursache Nummer Eins. Doch die Sterblichkeit geht zurück. Dass das Leben immer häufiger über die tückische Krankheit siegt, liegt zum einen an verbesserten Behandlungsmethoden. Zum anderen sorgt die größere Verbreitung der Mammographie-Untersuchungen dafür, dass die Tumore rechtzeitig erkannt werden. Die Mammographie trägt zu einer Minderung der Sterblichkeit um 25 Prozent bei, erklärt Lars Erik Rutkvist, Leiter der Onkologischen Klinik am Stockholmer Huddinge-Krankenhaus: "Das Leben von etwa 2-300 Frauen pro Jahr wird durch die Mammographie verlängert", betont der Krebsspezialist.

Seiner Aussage liegt umfangreiche Forschung zugrunde: Lars Erik Rutkvist leitete das Ärzteteam, das im Auftrag der Schwedischen Gesellschaft zur Krebsbekämpfung eine der bisher weitreichendsten Untersuchungen über die Effekte der Mammographie durchführte. Einbezogen wurden dabei 250.000 Frauen, die in den 70-er und 80-er Jahren geröntgt worden waren, über einen Zeitraum von 16 Jahren. Mammographie mindert demnach nicht nur die Sterblichkeitsrate, sondern zeitigt auch lange Zeit nach einer Operation positive Ergebnisse.

Vorwurf: falsche Diagnosen durch Mammographie
Doch die Kritiker lassen sich auch von dieser jüngsten Studie nicht beeindrucken. Zu ihnen gehört der Arzt Göran Sjönell. Eines seiner Hauptargumente: Mammographie zeigt teilweise fälschlich Krebs an und löst somit bei Betroffenen unnötige Sorgen aus. „Man sollte nicht vergessen, dass es zum Beispiel in England mehrere Fälle von Selbstmord nach der Krebsdiagnose bei der Mammographie gab. Und eine weitere Sache gebe ich zu bedenken. 96 Prozent der Frauen werden nie an Brustkrebs erkranken, aber sie sollen dennoch an den Untersuchungen teilnehmen", kritisiert Göran Sjönell.

Auch der Mammographie-Befürworter Lars Erik Rutkvist räumt ein, dass die Untersuchungen zu unnötigen Eingriffen führen können. Bei etwa tausend Frauen pro Jahr würden aufgrund der Röntgenbilder Gewebeproben veranlasst, die sich schließlich als unnötig herausstellten. Umsonst also tausendmal Angst, Schrecken, bange Erwartung. Doch unterm Strich sei es das wert, meint der Mediziner: „Ich denke, man sollte die Dinge aus der Perspektive der kranken Frauen sehen. Diejenigen, die an Brustkrebs leiden und deren Krankheit frühzeitig entdeckt wird, ziehen schließlich aus der Untersuchung großen Nutzen."

Geldfrage?
Als wichtiges Motiv für die anhaltende scharfe Kritik an der Mammographie vermutet Rutkvist ein finanzielles. Das Zentralamt für Gesundheits- und Sozialwesen empfiehlt allen schwedischen Provinzen, Frauen vom 40. bis zum 70. Lebensjahr Vorsorgeuntersuchungen gratis anzubieten. "Dafür gehen natürlich im Jahr mehrere hunderttausend Kronen drauf. Derzeit ist das Gesundheitswesen ja finanziell in ziemlichem Druck. Da ist es vielleicht natürlich, dass man Maßnahmen in Frage stellt, die Geld kosten, so Rutkvist.

Doch diesem Gedanken dürfe in puncto Mammographie nicht nachgegeben werden, warnte Rutkvist nun auch in einem Debattenartikel in der Zeitung Dagens Nyheter gemeinsam mit 24 Kollegen. Schließlich zeigt die Studie eindeutig den Zusammenhang von Vorsorgeuntersuchung und geringer Sterblichkeit. Auch weiterhin, so die Schlussfolgerung der Ärzte, sei Frauen der aktuellen Altersgruppen dringend zur Mammographie zu raten.

Anne Rentzsch

Grunden i vår journalistik är trovärdighet och opartiskhet. Sveriges Radio är oberoende i förhållande till politiska, religiösa, ekonomiska, offentliga och privata särintressen.
Du hittar dina sparade ljud i menyn under Min lista