Wenn an Bord der Haussegen schief hängt

Sommer, Sonne, Segeln – ein Traum für viele Menschen rund um die Ostsee. Doch nicht selten entwickelt sich der gemeinsame Segeltörn mit Freunden oder Lebensgefährden zum Alptraum. Während der Mensch die immer komplizierter Technik zusehends beherrscht, verstrickt sich er oder sie im Gewirr der zwischenmenschlichen Beziehungen. Die Schwedin Marie Blomqvist hat jetzt diese Beziehungen an Bord genauer untersucht und ein Buch darüber geschrieben, das vor allem in Fachkreisen mit großer Aufmerksamkeit zur Kenntnis genommen wurde.

Wer ein gesteigertes Interesse daran hat, wie gut oder wie schlecht zwischenmenschliche Beziehungen funktionieren, dem sei die Mälarschleuse im Zentrum von Stockholm ans Herz gelegt. Dort spielen sich gerade an Sommerwochenenden Tragödien ab, wenn das Boot der Familie durch die Schleuse gebracht werden muss. Die schwedische Reserviertheit wird dann von tollpatschigen Frauen oder aber auch nervenschwachen männlichen Freizeitkapitänen auf eine harte Probe gestellt. Nicht selten scheitern langjährige Beziehungen am Übergang von der Ostsee in den Mälarsee.

Leitfaden für das Miteinander an Bord
Marie Blomqvist ist begeisterte Seglerin und hat jetzt das Buch „Beziehungen an Bord“ geschrieben – einfach, weil sie mehr darüber wissen wollte, als es bisher darüber zu lesen gab: "Mir wurde so deutlich bewusst, dass unsere Welt so sehr von der Technik geprägt ist. Es gibt eine Unmenge Bücher darüber, wie man das richtige Boot auswählt, welche Segel man setzen muss, über Navigation, Kommunikation, wie man Lenzpumpen installiert und alles mögliche. Aber nichts darüber, was ich wirklich wichtig finde, nämlich wie man an Bord zusammenarbeiten muss und wie sich die Beziehungen entwickeln. Da können wirklich sehr unangenehme Situationen entstehen, wenn man auf engstem Raum zusammen lebt. Im Internet habe ich für das allgemeine Thema Boote 8.500 Titel gefunden. Kein einziger davon hat sich mit den Thema „Beziehungen an Bord“ beschäftigt. Da habe ich entschieden, darüber muss ich schreiben, weil ich das selbst sehr spannend finde."

60 Interviews hat Marie Blomqvist geführt. Männer und Frauen erzählen über ihre Erfahrungen. Meist waren es Menschen, die oft Monate und Jahre an Bord eines Segelbootes verbracht haben. Das kann, muss aber nicht an die Substanz gehen, weiß Marie Blomqvist selbst von ihren meist kürzeren Ausflügen in die Stockholmer Schären: "Eigentlich sind meine Erfahrungen meist positiv, weil ich mich sehr harmonisch fühle, wenn ich draußen auf See bin. Aber ich habe auch schon so manchen Streit an Bord mitgemacht. Da habe ich mit meinem Freund oft mehrere Tage lang nicht gesprochen. Da war Schweigen, die einzige Art und Weise, dieses Problem zu bewältigen, weil man einfach nicht die ganze Zeit streiten kann. Als ich als Teenager in den Stockholmer Schären gesegelt habe, hatte ich immer einen Fahrplan der Dampfschiffe mit und nicht selten bin ich auch mit diesen dann heimgefahren."

Probleme von zu Hause mitgeschleppt
Was den Streit ausgelöst hat, ist häufig unwichtig. Denn meist ist der Auslöser nur der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt: "Meist waren das Nichtigkeiten, völlig unwichtig eigentlich, aber wichtig, weil man an Bord eines Bootes ist. Da ging es um Alltagssachen wie, dass der Pulli immer an eine bestimmte Stelle geworfen wurde, obwohl man darum gebeten hat, dies nicht zu tun. Einfach völlig idiotischer Kleinkram."

In einigen Interviews wird jedoch deutlich, dass die Probleme von zu Hause mit an Bord gebracht wurden. Das kann zu gefährlichen Konsequenzen führen, wie der Fall von Tobias belegt. Er hatte sich mit Ehefrau Annelie und seinen drei Kindern auf eine Weltumseglung gemacht. Die Alkoholprobleme von Annelie seien überstanden – glaubte er. Nach einigen Wochen ertappte er jedoch Annelie in volltrunkenem Zustand. Die Rückfälle wiederholten sich immer öfter. Tobias erzählt weiter in dem Buch: "Eines Morgens wurde ich wach mit der Einsicht, dass sich Annelie nicht ändern würde. So lange sie auch nur die geringste Möglichkeit haben würde, würde sie weiter trinken. Nach Hause zu fahren und sich einer Behandlung zu unterziehen, war für sie ausgeschlossen. Wenn jemand etwas verändern konnte, war ich das, aber nur für mich und die Kinder." Nach mehreren Anläufen gelingt es Tobias schließlich, den Segeltörn abzubrechen und Frau und Kinder zurück nach Schweden zu bringen. Die Ehe war gescheitert.

Männderdomäne Segeln
Das Buch von Maria Blomquist widmet sich ausführlich der Beziehung zwischen Mann und Frau und der Ursache, warum es vor allem Frauen oft sehr schwer haben: "Boote und Segeln - das sind einfach Männerdomänen. Warum das so ist, kann ich nicht einfach so beantworten. Aber ein Grund ist sicherlich, dass Boote für Männer oft ein Symbol dafür sind, dass sie sich gegen die Natur behaupten und dabei eine Mannschaft führen können. Deswegen ist das für viele Männer enorm wichtig und wird oft mit peinlicher Genauigkeit betrieben. Man übernimmt als Mann Verantwortung und beschützt sein Rudel vor den Gefahren des Meeres. Und da ist es wichtig, dass das Rudel, also die Besatzung gehorcht und sich unterordnet."

Manchmal sind die Freizeitkapitäne jedoch dem Druck nicht gewachsen. So auch in der Geschichte, die Anne erzählt. Sie war mit ihrem Mann in den Stockholmer Schären mit dem Segelboot unterwegs und auf Grund gelaufen. Als sie ein Motorboot entdeckten, dass helfen konnte, hattte der Mann Angst, sein Gesicht zu verlieren: „Ich geh unter Deck mit der Seekarte. Du bleibst hier und winkst. Wenn die uns nur helfen können, wieder in die Fahrrinne zu kommen,“ sagte er zu mir. Ich schaute meinen Mann an. War das wirklich er, der das gesagt hat. Zwei bittende Augen blickten mich an, und da verstand ich, dass es für mich nur ein bisschen peinlich ist, um Hilfe zu bitten, für Claes aber ist es eine mittlere Katastrophe. Der Führer des Rudels hatte versagt. Dies vor anderen Menschen im Motorboot einzugestehen, kam einem Gesichtsverlust gleich."

Anne hatte sich entschieden in dem Theaterstück, das ihr Mann soeben entworfen hatte, mitzuspielen. Oft passiert es aber auch, dass Frauen sich mit der ihr zugedachten, untergeordneten Rolle nicht einfach so abfinden. Es knirscht im Getriebe der zwischenmenschlichen Beziehungen. Die Erklärung liegt für Marie Blomqvist auf der Hand: "Da kommen wir auf die unterschiedlichen Führungsstile von Männern und Frauen zu sprechen und wie die verschiedenen Geschlechter eben unterschiedlich in der Gruppe funktionieren. Männer bauen aus Tradition und Kultur viel mehr auf Hierarchien. Frauen funktionieren auf eine andere – nicht unbedingt eine bessere – Art und Weise. Frauen übernehmen die Verantwortung gemeinsam während Männer besonders in Krisensituationen die Verantwortung allein dem „Chef“ übergeben. Das wird vor allem an Bord eines Bootes sehr deutlich. Viele Frauen haben aber heutzutage in der Wirtschaft auch Führungsrollen übernommen und sind es gewohnt eine Gruppe zu führen, auf ihre eigene Art und Weise, die vielen Männern eben fremd erscheint. Deshalb gibt es an Bord oft deutliche Konflikte."

In ihrem zivilen Leben arbeitet Marie Blomqvist als Unternehmensberaterin. Die an Bord gewonnenen Erfahrungen und Einsichten habe ihr oft im Berufsleben weitergeholfen und umgekehrt. Das Buch „Beziehungen an Bord beschäftigt sich jedoch nicht nur mit dem Verhältnis zwischen Mann und Frau, sondern gibt Einblicke wie das Zusammenleben an Bord auf engstem Raum funktioniert.

Dieter Weiand

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