SMS

Eine Sprache für sich

Wer in Schweden mit U- oder S-Bahn fährt, dem ist es gewiss schon aufgefallen - im gelobten Land der Mobiltelefone erfreut sich e i n Handy-Anwendungsbereich unter Jugendlichen besonderer Beliebtheit: SMS, also das Versenden von Kurzmitteilungen, die dem Empfänger mit einem durchdringenden Tonsignal angekündigt werden. Die knappe SMS-Sprache spiegele den rapiden Rückgang der Hirnkapazität moderner Jugendlicher wider, meinen zumal Handy-Gegner älteren Semesters. Aber vielleicht ist es gerade umgekehrt?

Wie bringt man seine SMS-Botschaft auf den Punkt? Malin Jernkvist ist 15 und Expertin: "Jeder hat da seine eigenen kleinen Kniffe, meint sie. Zum Beispiel verkürzt man verschiedene Wörter."

Ein hart gesottener SMS-er würde beispielsweise nicht im Traum darauf kommen, das Wort "Programm" auszuschreiben, wo´s doch "Prgr" genauso tut. Logisch ist auch j für Ja oder N für Nein. Das Entschlüsseln der so entstehenden Botschaften setzt freilich beim Empfänger eine gewisse Übung voraus, ähnlich wie beim Lesen von Annoncen. Aber was heißt hier: gewisse Übung. Intelligenz und Einfallsreichtum sind nötig, meint die Linguistin Ylva Hård af Segerstad, die zum Phänomen SMS an der Göteborger Universität ihre Dissertation erstellt. Sie weiß auch, warum die SMSer so viele Abkürzungen benutzen: "Es ist ja ganz schön kompliziert, so eine Nachricht zu verfassen. Und man ist vom Mitteilungsplatz her begrenzt, es stehen ja nur 160 Anschläge zur Verfügung, inklusive Leerzeichen."

Zoff per SMS
Und es sage keiner, SMS sei gleichbedeutend mit Coolness und Leidenschaftslosigkeit. Ylva Hård af Segerstad kann da ganz anderes berichten. Sie hat hitzige Auseinandersetzungen verfolgt, bei denen jede Wortmeldung genau 160 Zeichen lang war. Große Gefühle also, aber strenge Rahmen. Die Forschung der Doktorandin stützt sich auf ein Netz von SMSern, die ihre Mitteilungen an sie weitergeben und sich interviewen lassen.

Das Fazit der SMS-Forschung ganz eindeutig: Komplikation ist out, gefragt ist die einfache Botschaft. Neben Verkürzungen bedeutet dies: kein Unterschied zwischen Klein- und Großbuchstaben, keine Satzzeichen und ein Satzbau, der selbst der Yellowpress zeigt, dass es immer noch eine Nummer kleiner geht. Also doch Verblödung, eine Verblödung gar, die aufs übrige Schreiben abfärbt? Können SMS-geschädigte Hirne und Hände überhaupt noch einen annehmbaren Aufsatz oder - seltener Fall - gar Brief zustande bringen? Ja, behauptet die 15-jährige Malin: "Man ist so an das spezielle Tastendrücken beim Telefon gewöhnt, wenn man beispielsweise mit dem Kuli schreibt, ist es ganz was anderes."

Hochschwedisch nicht in Gefahr
Auch die Doktorandin Hård af Segerstad glaubt nicht, dass die geslimmte SMS-Sprache das gute alte Hochschwedisch verdrängen wird. Die Menschen seien es eben gewohnt, ihre Sprache der jeweiligen Situation anzupassen, SMS sei dafür lediglich weiterer Beleg, meint sie gelassen. Überdies müssten nicht alle SMS-Neuerungen simpel sein. Margit Hård af Segerstad hat selbst Mitteilungen erhalten, in denen zum Beispiel Groß- und Kleinschreibung auf sozusagen avantgardistische Art gemixt waren. Weshalb, da hat die Forscherin ihre eigene Theorie: "Ich habe die Leute zwar nicht direkt danach gefragt, aber ich denke mir... wenn man auf eine bestimmte Art schreibt, tut man das ja nicht allein, um Zeit zu sparen. Sondern vielleicht auch, weil es eben einfach Spaß macht.

Anne Rentzsch

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