Der Charme der Perfektion

Fragt man deutsche Besucher in Schweden, wie es ihnen hier gefällt, bekommt man bestimmt zur Antwort: Alles ist so gut durchorganisiert. Genau. Denn für Ordnungssinn und die Perfektionierung des Alltages sind die Schweden bekannt.

In Schweden hat alles seine Ordnung: "Rechts stehen, links gehen" heißt die Devise auf der Rolltreppe. Ein Motto, das die lieben Mitmenschen in Deutschland nur zu einem müden Lächeln anregen kann. Im Berufsverkehr der Stockholmer U-Bahn ist er überlebenswichtig: Wer zu lange auf der linken "Überholspur" herumsteht, wird entweder mit einem freundlichen "ursäkta" zur Seite zitiert oder schlichtweg angerempelt - letzteres kommt allerdings selten vor.

Warteschlangen in der U-Bahn, beim Telefonieren und beim Metzger
Der Ordnungssinn zeigt sich im hohen Norden immer dann, wenn es um Gerechtigkeit geht. Auf der Rolltreppe gibt es nicht nur die zwei Spuren, sondern auch die Warteschlange, um sie zu erreichen. Das ist auch beim öffentlichen Nahverkehr nicht anders. Haben Sie vielleicht das englische Bild im Kopf, wenn ganz viele Menschen in ein und denselben Bus einsteigen wollen? Die stellen sich dann fein säuberlich in einer Schlange auf. Ganz genauso geht das in Schweden.

Auch beim Telefonieren, übrigens: "Sie werden in der Reihenfolge bedient", säuselt die freundliche Stimme am anderen Ende der Leitung. Und manchmal verrät sie mir auch, wie viele geschlagene Minuten ich noch ausharren muss, um dem gewünschten Ziel näher zu kommen.

Phänomen "Nummerlapp"
Das tut auch der berühmt-berüchtigte Automat mit dem "nummerlapp". Er teilt mir beim Fleischer, auf dem Postamt oder am Bankschalter mit, wann ich an der Reihe bin. Einfach einen Nummernzettel ziehen und darauf warten, dass die gleiche Ziffer wie auf dem Zettel im Leuchtdiodenkasten erscheint, verbunden mit einem akustischen Signal - "Beep".

Das ist nicht nur demokratisch, sondern auch verkaufsfördernd. Denn während man in Deutschland strikt in der Schlange stehen muss, können sich die Schweden frei im Verkaufsraum bewegen, um die Waren herum schleichen und sich inspirieren lassen. Zum Beispiel, wenn sie am Freitagabend, kurz vor Feierabend in den Alkohol-Monopolisten "Systembolaget" gehen, um den Wein fürs Wochenende einzukaufen. Da können schon mal 100 Nummern vor einem dran sein.

Böse kann es übrigens enden, wenn man die zugeteilte Wartenummer verpasst, weil man vielleicht in der Zwischenzeit einem anderen Einkauf nachgegangen ist. Neulich war ich nach 130 Wartenummern an der Post des Hauptbahnhofes 60 Nummern zu spät. "Die Nummer ist schon lange vorbei", weist mich die Postbeamtin hinter dem Panzerglas zurecht. Unmenschlich, schimpfe ich zurück, lege mein Paket selbst auf die Wage und ziehe die Marken aus dem Automaten. So geht´s auch.

Agnes Bührig

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