Gerberei nach traditionellen Methoden

In dem idyllischen Städtchen Sigtuna nördlich von Stockholm liegt eine Gerberei der ganz besonderen Art. Dort gerbt die Schwedin Lotta Rahme die Häute von Rentieren, Rindern und Schafen, aber auch die von Straußen - und Fischen. Und das alles ohne Chemie - nach uralten Methoden, die sie bei den Indianern und Inuit in Kanada gelernt hat.

Es geht ungewöhnlich zu in der Werkstatt von Lotta Rahme. Im Kochtopf brodelt die Rinde von Tanne und Weide. An den Wänden hängen Häute: eine Straußenhaut mit den typischen Noppen, eine seidenweiche Elchhaut und - das Weihnachtsgeschenk von guten Freunden: die Haut einer Klapperschlange. Auch Geschenke sind bei Lotta Rahme etwas anders: "Meine Schwiegermutter gab mir mal das Fell einer kleinen Maus. Ich hab den Deckel einer Dose damit überzogen und ihr zum 60. Geburtstag geschenkt", erzählt die Gerberin.

Spezialität Fischhaut
Eigentlich ist Lotta Rahme gelernte Ingenieurin, doch nach einem Volkshochschulkurs in Gerberei sattelte sie um, lebt nun von diesem Handwerk. Die Werkstatt ist voll von ungewöhnlichen Geräten, Messern und Klingen zum Enthaaren der Häute, zum Abschaben, zum Weichmachen. Ein Spezialgerät, eine Art hüfthoher Pfahl mit Messer obendrauf, "der ist aus Deutschland importiert, die gegerbte Haut wird über die Klinge gezogen und so weich gemacht."

Fischhaut ist die Spezialität der Schwedin. Aus einer raschelnden Papiertüte holt sie ein paar Exemplare. Die immer noch leicht fischig riechenden Häute sind zunächst im Rindenbad gegerbt und dann gefärbt: Gelb mit Zwiebelschalen, Rosa mit einer bestimmten Wurzel und Lila mit Läusen. Aus den Fischhäuten fertigt Lotta Westen, Schirmmützen, Krawatten - alles mögliche also, originell, schön und bei Verkauf garantiert geruchsfrei.

Handwerk bei Indianern und Sami gelernt
Lotta arbeitet nach jahrhundetealten Methoden, die sie während zahlreichen Besuchen bei den Indianern am großen Sklavensee in Kanada, bei den Inuit, aber auch bei den Sami in Nordschweden gelernt hat. Mit chemischen Substanzen arbeitet Lotta Rahme nicht. Anstelle von Chrom und Chemikalien benutzt sie zum Gerben Baumrinde, das Fett von Tiergehirn oder auch - Menschenurin. So machen das die Inuit seit Langem. Für weiße Fischhaut - so die alten Lehren - brauche man den Urin eines kleinen Jungen, der noch gestillt wird, für dickere Fischhaut den eines Jungen im Stimmbruch.

Doch Lotta hat ihre eigene Variante: Ihr fünfjähriger Sohn Joel muss ran. Für ihn - so die Gerberin - sei es schon ganz normal zu fragen: "Mama, gerbst du heute Fisch - soll ich in den Nachttopf pinkeln?" Gerade kommt doch auch tatsächlich Joel zu Besuch in die Werkstatt und bestätigt das. Nein, komisch, sei das mit dem Pinkeln gar nicht. Dann zeigt er stolz sein Indianerhemd, das ein gegerbter Hecht ziert: Den Hecht hat er selbst gefangen, mit Papa im Kanu gleich unten hinter der Gerberei, und drei Kilo wog der Hecht.

Im Laden neben der Werkstatt sind sie zu sehen die Schlipse aus Lachs, die Handschuhe aus Biber, die Handy-Tasche aus Lamm. Billig ist das Ganze nicht. Handarbeit kostet und Lotta Rahme lebt denn auch hauptsächlich von Bestellungen. Für ein Käppi aus Hecht mit Schirm aus Rentier beispielsweise muss man circa 140 Euro hinblättern.

Karin Bock-Häggmark

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