Ärztebörse vermittelt nach Schweden

Während in Schweden Ärztemangel herrscht, sind in Deutschland 7.000 Mediziner ohne Job - oder sind mit den Arbeitsbedingungen so unzufrieden, dass sie sich nach Alternativen umsehen. Deshalb hat die Hamburger Ärztekammer am Freitag zum zweiten Mal in Zusammenarbeit mit dem deutschen und dem schwedischen Arbeitsamt eine bilaterale Ärztebörse durchgeführt. Arbeitgeber und Interessenten konnten direkt miteinander in Kontakt treten.

Eine bunte Mischung aus Deutsch, Schwedisch und Englisch erfüllt den großen Saal der Ärztekammer Hamburg. Es herrscht Betrieb wie auf einer Reisemesse: Menschen drängeln an Ständen vorbei, sehen sich Hochglanzprospekte über die Schönheiten von zwölf schwedischen Regionen an und erkundigen sich nach Land und Leuten.

Motto: Lieber Jobben statt Urlaub machen
Aber für die mehr als hundert Besucher geht es nicht um den nächsten Sommerurlaub. Sie tragen sich mit dem Gedanken, für mehrere Jahre oder für immer als Ärzte in Schweden zu arbeiten. Deswegen sind ihre Ansprechpartner keine Tourismusexperten, sondern Krankenhauschefs und Kollegen.
Die Interessenten sind aus ganz Deutschland angereist, ihre Motive so unterschiedlich wie ihre Herkunft.

Ein Besucher aus Norddeutschland will „die Chance haben, ein neues Gesundheitssystem kennenzulernen. Das deutsche kennt man. Ich kenne auch das englische ein bisschen, dass man vielleicht noch mal das skandinavische ausprobiert."

Eine hessische Ärztin möchte in Schweden Land und Leuten näher kommen: „Ich bin eigentlich schon lange Skandinavien-Fan, also, die Natur und die Weite, die man hier vorfindet, das reizt mich einfach."

Ihr jüngerer Kollege aus Bayern denkt da eher an die Karriere: „Es reizt mich jetzt, meinen üblichen Lebenslauf ein bisschen zu verändern und nicht in Deutschland zu bleiben. Und wenn ich mir vorstelle, dass ich noch zwanzig Jahre in Deutschland bleiben würde und sogar in derselben Klinik weiterarbeiten könnte bis ich in Rente gehen würde, dann ist das nix, was mich besonders reizt."

Bessere Arbeitsbedingungen in Schweden
Kein Wunder bei den herrschenden Arbeitsbedingungen: 80-Stunden-Wochen sind für Ärzte die Regel, ebenso anderthalb Tage Dauerbereitschaft - und das bei schlechter Bezahlung. Ganz anders in Schweden, sagt Hilmar Gerber, der hier seit vier Jahren als Arzt arbeitet: „In Schweden sind dank der starken Gewerkschaft Arbeitszeiten wirklich Arbeitszeiten. Wir haben sinnvolle Gehälter - auch schon als junge Ärzte, und Hierarchien gibt es in dem Sinne auch nicht. Nicht nur, dass man einander duzt, das ist eher ´ne vordergründige Sache, aber in den Kliniken herrscht eine andere Stimmung. Zum Beispiel sind die Krankenschwestern den Ärzten mehr gleichgestellt, und Teamarbeit wird großgeschrieben.

Hejko Schlesinger ist vor einem Jahr per Ärztebörse nach Schweden vermittelt worden. Er ist noch immer begeistert über die Offenheit, mit der er und seine Familie aufgenommen wurden: „Als Ausländer fühlt man sich ab dem ersten Tag eigentlich nicht. Gut, es ist ´ne Sprachbarriere da, wir hatten null Schwedisch-Kenntnisse, als wir da hochkamen. Aber es ging eigentlich ganz gut, und man hat sich sofort integriert gefühlt, dass die Kollegen gesagt haben, komm, ich zeig dir mal alles und dann geht´s mal los."

Auch Frank Rissel ist vor einem Jahr nach Schweden gewechselt. Mittlerweile ist er Facharzt für Allgemeinmedizin und wirbt für seine Region um Kollegen aus Deutschland. Doch die Zwischenbilanz nach vier Stunden fällt eher verhalten aus: „Wir suchen hauptsächlich in Östergötland Ausbildungsärzte für Allgemeinmedizin oder schon Fachärzte. Bisher haben sich hier hoch spezialisierte Fachärzte mit Handchirurgie und Herzchirurgie gemeldet, das ist nicht das, was wir im Moment suchen. Trotzdem hoffen wir, dass weitere Bewerbungen zu uns kommen werden."

„Hochqualifizierte Ärzte"
Die Hoffnung ist begründet, sagt der Präsident der Ärztekammer, Frank Ulrich Montgomery: „In der Vergangenheit haben wir Jobbörsen erlebt, wo die Mehrzahl der stellensuchenden deutschen Ärzte problembeladene Menschen waren. Heute ist das Bild völlig anders: es handelt sich um hochqualifizierte Menschen, teilweise mit ungekündigten festen Arbeitsverhältnissen in Deutschland, die einfach die deutsche Arbeitsbelastung nicht mehr ertragen wollen."

Die Kandidaten sind nach den ersten Vorstellungsgesprächen vor allem von der Freundlichkeit beeindruckt, mit der ihre schwedischen Gegenüber sie behandeln. Manuel Niederhagen, Arzt im Praktikum, bringt es, stellvertretend für seine Kollegen, auf den Punkt: „Die Leute machten den Eindruck, dass sie morgens aufstehen und gerne ihren Job machen, was man von vielen deutschen Klinikärzten nicht mehr unbedingt sieht."

Doch bei aller Begeisterung für die neue Perspektive sollten die Mediziner prüfen, ob auch die Voraussetzungen für die Familie stimmen, mahnt Dieter Zippert vom Arbeitsamt Malmö: „Was ich aus der Sicht als Arbeitsvermittler vielleicht als kleines Problem sehe, ist die Familienfrage. Wenn man einen Partner hat, muss er oder sie ja auch irgendwie unterkommen. Ein Arzt ist begehrt, aber wenn der Partner oder die Partnerin Büroangestellter oder Sekretärin ist, haben wir ein Problem. Wie besorgen wir ihnen Arbeit?"

In den meisten Fällen klappt aber auch das. Die 32-jährige Allgemeinärztin Saskia Krüger wird wohl im Herbst nach Göteborg umziehen. Für sie und viele andere bleibt am Schluß der Jobbörse ein gutes, fast schon zu gutes Gefühl. Sie empfindet die Perspektiven als „sehr positiv. Aber es ist dann doch irgendwie schon erschreckend, dass das alles so problemlos über die Bühne geht."

Martin Koch

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