Hilfe für übergewichtige Kinder

Schweden ist bekannt für seine reiche Auswahl an modischer Kinderbekleidung. Doch nicht alle kleinen Kunden machen in den enganliegenden Outfits auch eine gute Figur. Die zunehmende Körperfülle bei Kindern ist ein Markenzeichen der gesamten westlichen Welt. Jetzt schlagen auch in Schweden Kinderärzte und Forscher Alarm: laut jüngsten Untersuchungen ist unter Kindern Übergewicht gang und gäbe. Gleichzeitig sind die Ressourcen für die Behandlung von Kindern mit Problemen geschrumpft. Gemeinsam sucht man nun nach Lösungen.

Atemnot beim Treppensteigen, Frust beim Kleiderkauf und stets die Angst, zur Zielscheibe von Spott zu werden. Bereits in der Grundschule ist das der Alltag für eine wachsende Zahl schwedischer Kinder. Gleich mehrere Veröffentlichungen zu diesem Thema gab es zu Wochenbeginn in Schweden.

Die Zeitung Göteborgsposten wartete mit gewichtiger Statistik auf: demnach wiegt bereits jedes fünfte Kind im Alter von zehn Jahren zu viel. "Das hängt damit zusammen, dass Kinder immer länger vor dem Fernseher sitzen, immer weniger Sport treiben und dass sich auch bei uns der amerikanische Lebensstil etabliert, da denke ich vor allem an Fastfood", so Professor Hugo Lagercrantz vom Astrid-Lindgren-Kinderkrankenhaus. Ihrer Lust am Fastfood frönen die jungen Schweden gern und oft. Das dichte Netz der Pommes- und Hamburger-Tempel fällt so manchem Stockholm-Besucher ins Auge.

Schulsport immer unbeliebter
Überhaupt nicht hoch im Kurs steht hingegen das Abtrainieren der Zusatz-Kalorien. Glaubt man jüngsten Untersuchungen, dann gehört der Schulsport in Schweden bald auf die Liste der bedrohten Arten, vor allem bei den Schülerinnen. Laut einer Studie des Instituts für Volksgesundheit nehmen 14 Prozent der Mädchen in der achten Grundschulklasse nie oder fast nie am Sportunterricht teil. Weitere 15 Prozent sind zwar dabei, bewegen aber laut eigener Aussage kaum die Glieder. Für Annika Strandell, Projektverantwortliche für die Studie, ist dies alarmierend: "Ein Drittel aller Mädchen in der achten Klasse ist körperlich nicht so aktiv, wie es nötig wäre. Wir ziehen daraus die Schlussfolgerung, dass der Sportunterricht verändert und mehr an die Bedürfnisse der Schüler und insbesondere der Schülerinnen angepasst werden muss." Nicht jedem passt es, sich auf Kommando mit vielen anderen umzuziehen und in einer Turnhalle zu tummeln.

Verschiedene Schulen haben bereits Möglichkeiten erprobt, wie man Schüler auf andere Art auf den Geschmack bringen kann. Aerobics in kleineren Gruppen kann da eine Lösung sein oder auch flottes Spazierengehen in der Umgebung der Schule. Auf jeden Fall, so meint Annika Strandell, müsse man ernst nehmen, dass so viele Schülerinnen regelmäßig den Turnunterricht schwänzen. Ein Grund, so mutmaßt sie, könnte die Abneigung gegen den in ganz Schweden üblichen gemeinsamen Sportunterricht von Jungen und Mädchen sein.

Abhilfe durch Konferenzen und Diskussionsrunden
Das Institut für Volksgesundheit will jedenfalls der beunruhigenden Entwicklung nicht länger tatenlos zusehen. "Im ganzen Land werden wir ab Mai eine Reihe von Treffen und Konferenzen abhalten. Wir laden die Schulen zu einer Diskussion über diese Fragen ein. Wir hoffen auf einen regen Erfahrungsaustausch und annehmbare Lösungen."

Darauf hoffen auch Schwedens Kinderärzte. Die wachsende körperliche Untätigkeit der Kinder sehen sie als eines von vielen drängenden Problemen. Die schwedische Gesellschaft müsse die Interessen der Kinder wieder mehr in den Vordergrund stellen, forderten am Montag elf namhafte Kinderärzte in der Tageszeitung "Dagens Nyheter". Man habe aus dem ganzen Land viel Anerkennung für diesen Artikel erhalten, sagt einer der Unterzeichner, Professor Hugo Lagercrantz: "Viele Menschen haben bemerkt, dass die Möglichkeiten für die Behandlung kranker Kinder, wozu ja teilweise auch übergewichtige Kinder gehören, schlechter geworden sind, meint er. Das hängt vor allem mit den Sparmaßnahmen der 90er Jahre zusammen. Diese Sparmaßnahmen wirken sich jetzt, wo mehr Kinder geboren werden, richtig stark aus."

Ärzte fordern Zehn-Punkte-Katalog
Die Vereinigung der schwedischen Kinderärzte fordert nun in einem Zehn-Punkte-Katalog die Politiker zum handeln auf. Die Garantie von vier Sportstunden pro Woche und Schulkind gehört dabei zu den wichtigsten Maßnahmen.

Nicht zuletzt geht es auch um bessere medizinische Versorgung und um mehr Hilfe für Flüchtlingskinder. Hugo Lagercrantz hofft, dass die Stimme der Ärzte nicht ungehört bleibt: "Es ist wichtig, dass wir Kinderärzte sagen: bis hierher und nicht weiter. Andere Gruppen wie zum Beispiel die Rentner haben schließlich auch ihre Interessenorganisationen; wir müssen uns für die Kinder stark machen. Ich denke auch, die Situation dafür ist nicht ungünstig. Im Herbst stehen Wahlen an, und das Wohl der Kinder steht für die meisten Parteien ganz oben", hofft Hugo Lagercrantz.

Anne Rentzsch

Grunden i vår journalistik är trovärdighet och opartiskhet. Sveriges Radio är oberoende i förhållande till politiska, religiösa, ekonomiska, offentliga och privata särintressen.
Du hittar dina sparade ljud i menyn under Min lista