Stadtbesichtigung des Verbrechens

An Orte des Verbrechens führt eine Stockholmer Stadtführung, die von jungen Leuten im Rahmen eines städtischen Jugendprojekts angeboten wird.

New York und Neapel, London und Chicago - zu den Hauptstädten des Verbrechens gehört Stockholm nicht. Im Gegenteil: Statistiken belegen, dass die schwedische Hauptstadt zu den sichersten in der Welt gehört. Doch hin und wieder zerreißt auch in Stockholm ein Schuss die Stille oder lähmt ein Attentat die Bevölkerung.

Tatort Oper
Hier, nur wenige Meter vom königlichen Schloss entfernt, ließ Gustav III. Anno 1792 einen Maskenball ausrichten. Der König förderte nach französischer Manier Musik, Malerei, Literatur und Wissenschaften. Unter den Adligen hatte er aber viele Feinde, weil er sie in ihrer Macht einschränkte. Auf dem Kostümball verübte ein junger Adliger ein Attentat auf Gustav III. Der Täter wurde verfolgt, gefasst und gehängt.
Der König starb zwei Wochen später an den Folgen des Attentats.

Tatort Malmtorsgatan
1910 fällt eine junge Frau der Brutalität und Geldgier des Verbrechers Anderson Anders zum Opfer. Sie wollte in einer Wechselstube Geld tauschen. Anderson Anders erstach die junge Frau, raubte 6.000 Kronen und entkam zunächst. Seine Ungeschicklichkeit wird ihm aber zum Verhängnis, sagt Stadtführerin Johanna Hallin. "Er war ein sehr unbeholfener Mann, der bei seinen Taten immer Spuren hinterließ. Dieses Mal hatte er eine Bankkundin umgebracht. Die Frau, bei der er wohnte, sah, dass er blutige Kleider unter seinem Bett versteckte. Weil Stockholm damals eine sehr kleine Stadt war, dauerte es nicht lange, bis sie es der Polizei mitgeteilt hatte, und er festgenommen werden konnte.

Anderson Anders wurde mit dem Fallbeil hingerichtet.

Tatort Norrmalmstorget
Was heute ein Bekleidungsgeschäft ist, war im August 1973 eine Bank. Damals überfiel ein junger Mann das Geldinstitut, nahm mehrere Geiseln und verlangte drei Millionen Kronen, ein Fluchtauto und die Freilassung eines Komplizen aus dem Gefängnis. Die Geiseln in der Bank fühlten sich plötzlich von zwei Seiten bedroht, von dem Kidnapper und von einer für sie möglicherweise gefährlichen Befreiungsaktion der Polizei. Ihr Verhalten ging später als Stockholmsyndrom in die Verbrechenspsychologie ein, erläutert Ali Jamshir bei der Stadtführung. "Die Opfer verbündeten sich mit ihren Kidnappern. Sie hielten das für die beste Überlebensstrategie. Das war genau das, was 1973 am Norrmalstorg passierte. Die Geiseln hatten den Eindruck, dass die Polizei keine Rücksicht auf sie nehmen würde.

Bei der Gerichtsverhandlung sagten einige Geiseln sogar für den Geiselnehmer aus.

Tatort Sveavägen
Zweihundert Jahre nach der Verschwörung der Adligen gegen König Gustav III. fiel im Zentrum von Stockholm wieder ein schwedischer Regierungschef einem Verbrechen zum Opfer. Am 28. Februar 1986 wurde Olof Palme ermordet, als er mit seiner Frau nachts zu Fuß auf dem Weg vom Kino nach Hause war.
Palme hatte sich ebenso gegen den Vietnamkrieg ausgesprochen, wie gegen die kommunistischen Diktaturen in den Ostblockländern. Bei vielen Konflikten versuchte er zu vermitteln. Ali Jamshir meint, dass Palme trotz seiner Beliebtheit in Schweden deshalb weltweit viele Feinde hatte: "Ich glaube, dass es eine große Verschwörung gibt, dass viele darin verwickelt sind, und dass es viele Möglichkeiten gibt, die Leute in die Irre zu führen, indem man neue Geschichten in die Welt setzt und ständig neue Indizien erfindet. Es gibt viele Historiker und Ermittler, die sagen, es sei genauso wie bei John F. Kennedy. Ich habe jedenfalls Schwierigkeiten mit der Einzeltäter-Theorie, vor allem mit der Beschuldigung von Christer Petterson", meint der junge Mann.

Christer Petterson war zwei Jahre nach dem Palme-Mord als Verdächtiger festgenommen worden. Ein Gericht verurteilte ihn zunächst. Das Berufungsverfahren endete dann aber mit einem Freispruch - aus Mangel an Beweisen. Der Mord an Palme blieb ungeklärt. An den Tatort erinnert eine schlichte Bronceplakette auf dem Bürgersteig.

Markus Wetterauer

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