Streit um bürgerlichen Regierungschef

Drei Tage vor den Parlamentswahlen steigt die Spannung. Die bürgerlichen Parteien, monatelang hoffnungslos abgeschlagen hinter den regierenden Sozialdemokraten, holen weiter auf. In zwei Wählerumfragen führt der bürgerliche jetzt vor dem linken Block. Ein Regierungswechsel scheint da längst nicht mehr so unwahrscheinlich wie noch vor wenigen Wochen. Eine neue Regierung braucht natürlich einen Regierungschef. Wer das sein soll, darüber ist jetzt ein erbitterter Streit entbrannt.

Den Auftakt für den Bruderzwist zwischen Konservativen, Liberalen, Christdemokraten und Zentrum gab ein Artikel in der Tageszeitung Dagens Nyheter. Der Verfasser: Jan Björklund, Spitzenkandidat der Liberalen in Stockholm. Als Ministerpräsident in einem bürgerlichen Kabinett, so betont er, sei am besten der Parteichef der Liberalen, Lars Lejonborg, geeignet.

Lejonborg selbst hatte sich noch Anfang August zu diesem Thema vergleichsweise zurückhaltend geäußert: "Dass ich Ministerpräsident werde, ist natürlich nicht sehr wahrscheinlich. Aber wenn es drauf ankäme, würde ich der Aufgabe sicher gerecht werden."

Möglicherweise kommt es nun doch drauf an. Nicht nur der bürgerliche Block insgesamt spielt jetzt in der Gewinnerliga mit. Nach einer Verdoppelung ihrer Sympathiewerte seit Wahlkampfbeginn befinden sich gerade die Liberalen in einer Position der Stärke.

Für einen liberalen Regierungschef gibt es laut Jan Björklund ein wichtiges Argument: "Wir meinen, dass ein Teil traditionell sozialdemokratischer Wähler im rechten Flügel der Sozialdemokratie sich eher dazu entschließen würden, bürgerlich zu wählen, wenn sie wüßten, die Liberalen sind die wichtigste Alternative und Lars Lejonborg ist Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten."

Bei den Christdemokraten hat man dazu eine eigene Meinung. Die offene Werbung für Lejonborg düpierte die Partei, die sich bislang mit ihrer Überzeugung vornehm zurückgehalten hatte: Der Überzeugung nämlich, dass ihr erster Mann, Alf Svensson, der selbstverständliche Tipp für einen bürgerlichen Regierungschef sei.

Auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz hielt die erste Vizechefin der Christdemokraten Inger Davidsson mit ihrer Sicht der Dinge nicht hinterm Berg: "Alf Svensson ist der bürgerliche Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten."

Um die Qualitäten ihres Kandidaten zu belegen, präsentierten die Christdemokraten flugs eine Untersuchung, die der Jugendverband der Partei bei dem Meinungsforschungsinstitut Skop in Auftrag gegeben hatte. Das Ergebnis: Ein Fünftel aller sozialdemokratischen Wähler könnten sich vorstellen, diesmal ihr Kreuzchen bei den Bürgerlichen zu machen - falls Alf Svensson Regierungschef wird.

Alf oder Lars - da ist guter Rat teuer. Dennoch betont die Christdemokratin Davidsson: "Ich glaube, es ist außerordentlich wichtig, dass wir gemeinsam die Einigkeit betonen, die in den politischen Sachfragen besteht. Vor allem darauf kommt es an. Die Frage nach dem Chef einer neuen Regierung kommt erst danach."

Allerdings ist es auch um die Einigkeit in politischen Sachfragen im bürgerlichen Block nicht gerade blendend bestellt. In der Familienpolitik, in Europa- und Umweltfragen sind die Meinungsverschiedenheiten so groß, dass gemeinsame Wahlprogramme nicht zu Stande kamen. Für den Fall eines bürgerlichen Wahlsiegs wäre also zumindest eines klar: Die Diskussionen nicht nur ums Ministerpräsidentenamt dürften weitergehen.

Anne Rentzsch

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