Bergbau

High-Tech vor Ort

Hoch im Norden Schwedens, in Kiruna, fast schon an der Grenze zu Norwegen, wird seit rund 100 Jahren Erz abgebaut. Erst mussten es die Sami mühsam auf ihren Holzschlitten zu den Häfen am Bottnischen Meerbusen oder nach Narvik verfrachten. Viele Rentiere wurden dabei geschunden. Dann wurde die Eisenbahnlinie gebaut. Heute geht fast alles vollautomatisch: Abbau und Verladung. Nur noch wenige Männer sitzen an den Schalthebeln, um pro Tag pro Schaufelbagger 25 Tonnen Erz abzubauen. Und weil es richtig tief runter geht, ist die Anfahrt auch nicht mit einem Fahrstuhl zu bewerkstelligen.

Kaum sind wir mit dem Transporter in die Grube eingefahren, wird es auch schon kohlrabenschwarz. Der Fahrer blendet die Lichter auf, kleine Reflexe, die links und rechts der geteerten Strasse an den Felswänden haften, zeigen ihm, wo es lang geht. Etwa 400 Kilometer lang ist das Wegenetz unter Tage. Funktionelle blaue Schilder weisen den Weg zu den verschiedenen Ebenen. Die Zufahrten sind mit Ziffern bezeichnet. Eine Viertelstunde dauert der Weg zur Arbeit, den Bergmann Stig Kartinen jeden Morgen zurücklegt. Jetzt sind wir auf Niveau 820 gekommen, über 800 Meter unter der Erdoberfläche. Und plötzlich verwandelt sich der dunkle Berg in einen Arbeitsplatz wie es viele gibt in der Baubranche. Neonröhren erhellen die Halle, in der gerade ein großer Schaufelbagger überholt wird. Männer in Leuchtanzügen steuern mächtige Maschinen. An den Wänden verlaufen Kabel, an der Decke Röhren, die die Sauerstoffversorgung unterstützen. Auf einer Bank sitzen zwei Kumpel bei der Kaffeepause.

Wie in einem Computerspiel
Stig Kartinen führt uns durch Gänge, die auf der einen Seite durch endlose Bürocontainer begrenzt werden. Dann stehen wir in einer Schaltzentrale, wie sie auch in einem Heizkraftwerk stehen könnte. An fünf Computerarbeitsplätzen sitzen Männer, jeweils drei Bildschirme vor sich und einen Joystick. Was sie da machen, sieht ein bisschen aus wie ein Computerspiel.

Hans Johansson erläutert seine Arbeitsaufgaben: "Von hier hast du die Übersicht, was du machst, die ganze Zeit. Du kontrollierst alles. Jetzt sehe ich die Maschinen auf dem 8. und 20. Niveau und ich warte darauf, dass sie frei werden, dann kann ich sie übernehmen. Wir programmieren ein, wo sich die Maschine hinbewegen soll und dann füllt sie die Schaufel mit Erzgestein, fährt selbständig los und leert die Schaufel."

Drecksarbeit wird von Maschinen übernommen
Mit der Handarbeit von Hans Johansson ist es hier vorbei. Die Drecksarbeit machen die Maschinen per Fernbedienung unten in der dunklen Tiefe. Per GPS-System befördern sie das abgebaute Erz auf die Verladewaggons.

Beleuchtet sind die Schaufelbagger nur, damit Hans ihre Arbeit per Kameraauge überwachen kann. Auf Schirm eins sieht er eine schematische Übersicht des Stollens. Kleine Punkte bewegen sich in Gängen unter Tage, transportieren gesprengtes Erz zu den Verladestationen. Per Joystick dirigiert Johansson die Maschinen.

Stig Kartinen kennt jeden Arbeitsschritt in- und auswendig. Schließlich ist der gemütlich wirkende Mann mit dem dicken Bauch und Bart schon seit einundvierzig Jahren dabei. Der Sohn eines finnischstämmigen Bergmannes hat Zeiten miterlebt, als das Erz noch von Menschen abgebaut wurde, in den Sechzigern, damals in über 250 Metern Tiefe. Da musste man sich erstmal anfreunden, mit der Dunkelheit unter Tage, erinnert er sich. "Natürlich war das am Anfang schwer, sich daran zu gewöhnen. Ich war ständig müde. Das bin ich heute auch noch, wenn ich meine Schicht beendet habe. Aber heute bin ich wieder munter, wenn ich mich zu Hause eine Stunde ausgeruht habe. Die Kameradschaft mit den Kollegen ist wichtig, sonst wird man deprimiert, wenn es so dunkel ist. Es ist wohl besser, oben zu arbeiten, da ist man munterer, hier unten ist man ja immer müde."

Erinnerungen an alte Zeiten
Trotzdem liebt Stig Kartinen seine Arbeit unter Tage. Hier herrscht das ganze Jahr über dieselbe Temperatur, die Frage nach dem Wetter erübrigt sich.
In seinem kleinen Containerbüro mit Computer und Telefon, ist eine Wand vollgeklebt mit Zeichnungen vom Stollen. Woche für Woche graben sich die Maschinen in den Berg, verschiedene Farben in den schematisch dargestellten Stollen zeigen an, auf welchen Ebenen es Probleme gab, wo welche Qualität abgebaut wurde. An der Wand gegenüber hängt die Tabelle mit den Abbauergebnissen.

Stig Kartinen erinnert sich ungern an die Zeiten, in denen die Kumpel draußen in Dreck und Dunkelheit mit dem Abbau des Gesteins beschäftigt waren: "Man hatte Licht an der Maschine. Aber manchmal ging sie auch kaputt, und dann war das Licht aus. Dann musste man an eine Stelle, wo es Licht gab. Wir hatten nicht immer Stirnlampen dabei. In der Zeit, in der ich angefangen habe, musste man dem Kabel folgen. Man fühlte das Kabel am Berg und hat sich daran orientiert."

Wenn er früher so richtig am Ende war, konnte es auch vorkommen, dass er sich ein paar Tage krankschreiben ließ. Aber diese Zeiten sind für den 57-Jährigen schon lange vorbei. Weggetrieben hat es ihn deshalb jedoch nie aus seiner Heimat. Schließlich hat er Haus und Ferienhaus hier oben, die Familie, die Kollegen, verdient gutes Geld. Und im Sommer scheint die Mitternachtssonne, genug Licht für Aktivitäten aller Art: "Du bist sehr viel draußen. Sobald man mehrere Tage frei hat, gehts raus in die Natur, ins Ferienhaus. Außerdem haben wir noch ein kleines Haus, das man aufschlägt, ungefähr wie ein Zelt. Dann ist man am Wochenende draußen und kommt am Sonntagabend nach Hause. Meine Familie ist mit dabei. Im Winter fahre ich auch mit dem Motorschlitten in die Berge, und ich angle in einem Eisloch, vor allem Saibling. Sowas wird leicht eine Gewohnheit. Das macht man, um rauszukommen. Darauf kommt es an."

Bevor wir wieder rauskommen aus dem Bergwerk halten wir an einer Strasse, die auf eine Arbeitsstrecke der automatisch gelenkten Schaufelbagger mündet. Die Scheinwerfer unseres Transporters sind auf Standlicht gestellt, eine Taschenlampe erhellt den Weg bis zur Absperrung, dann rückt plötzlich ein Getöse aus der Ferne immer näher. Ein Lichtschein von links erhellt die Szene. Wie in einem Science-fiction-Film kommt das maschinelle Ungetüm angefahren, von Geisterhand gelenkt. Und wo sonst die Fahrerkabine sitzt: gähnende Leere. Stattdessen schleift das Ungetüm mit der vollen Schaufel eine Leine hinter sich her, gleichsam einer Nabelschnur, die es mit Strom versorgt. Dann verschwindet das Monstrum wieder in den Tiefen des Berges.

Agnes Bührig

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