Dagis

Kinderbetreuung auf Schwedisch

Während in Deutschland heftig über die Ganztagsschule diskutiert wird, ist in anderen europäischen Ländern die Ganztagsbetreuung schon von Vorschulkindern seit langem Normalität. Beispiel Schweden, wo das Einschulungsalter bei sieben Jahren liegt und die Sechsjährigen eine spezielle Vorbereitung auf die Schule durchlaufen. Ein Großteil der Kinder im Alter von ein bis fünf Jahren besucht eine Kindertagesstätte, genannt „Dagis". Und zwar meist von morgens bis nachmittags.

In Stockholmer Bussen oder U-Bahnen sind sie des öfteren zu sehen und zu hören: die Gruppen munterer, erwartungsfroher Dreikäsehochs auf dem Weg zum Abenteuerspielplatz, zum Spaziergang im Wald oder auch zum Museumsbesuch. Abwechslung wird groß geschrieben im Dagis, einer Institution, die für Schweden inzwischen ebenso typisch ist wie Volvo, Abba oder das Knäckebrot. Dass Kinder zwischen ein und fünf Jahren nicht ins Dagis gehen, ist eher die Ausnahme. Laut Kristina Wester vom Staatlichen Amt für Ausbildungswesen hat das gute Gründe: "Dagis genießt bei den Eltern ein sehr hohes Ansehen. Man sieht, wie wertvoll es ist, das Kind frühzeitig im Zusammenspiel mit anderen Kindern und mit gut ausgebildeten Erziehern zu stimulieren."

Beide Elternteile können arbeiten gehen


Der löbliche Vorsatz vom Wohl des Kindes ist allerdings nicht der einzige Grund für die Beliebtheit des Dagis. Für Schwedens Frauen ist Erwerbstätigkeit inzwischen fast ebenso selbstverständlich wie für die Männer. Als die Ganztags-Kinderbetreuung seit dem massiven Einzug der Frauen in den Arbeitsmarkt Anfang der siebziger Jahre gezielt ausgebaut wurde, hatte dies neben der Betreuung denn auch ein weiteres erklärtes Ziel: Beiden Eltern sollte ermöglicht werden, arbeiten zu gehen. Später rückte die pädagogische Qualität der Betreuung mehr und mehr in den Mittelpunkt.

Inzwischen darf man sich Vorschul-Pädagoge nur dann nennen, wenn man mindestens ein dreieinhalbjähriges Spezialstudium absolviert hat. Und 1998 wurde die Verantwortung für die Vorschulbetreuung im Dagis vom Sozial- ins Ausbildungsministerium verlegt, mit einem übergreifenden Lehrplan. "Ein Ziel dieses Lehrplans gefällt mir besonders gut. Da heißt es: Die Vorschule soll den Kindern Geborgenheit geben und Spaß vermitteln. Bringt man die schwedische Vorschul-Pädagogik auf den Punkt, so kann man sagen: Es geht darum, das Interesse, die Bedürfnisse und Voraussetzungen des Kindes in den Mittelpunkt zu stellen und aus einer Fürsorgesituationen eine pädagogische Situation zu machen. Ob die Kinder nun lernen, sich die Schuhe zuzubinden oder ob sie mit Lego spielen."

"Beruhigt arbeiten, mein Kind wird erstklassig betreut "

Kritische und selbständig denkende kleine Menschen zu erziehen, ist im kinderfreundlichen Pippi-Langstrumpf-Land ein weiteres erklärtes Ziel des Dagis, für das tatsächlich die meisten Eltern nur lobende Worte finden. Zu ihnen gehört Vincent Terud. Er und seine Tochter Beata, die seit kurzem Schulkind ist und die im Alter von ein bis fünf Jahren ins Dagis ging, möchten diese Zeit nicht missen. "Ich kann sagen, ich war glücklich darüber, meine Tochter ins Dagis bringen zu können. Ich konnte beruhigt meine Arbeit machen, weil ich wusste, sie wird dort erstklassig betreut."

Anfangs, so räumt der Vater ein, habe er manchmal ein schlechtes Gewissen gehabt, sein Kind in fremde Hände zu geben. "Aber als ich sah, wie das Dagis funktioniert, wie die Kinder lernten, miteinander umzugehen, wie sie spielerisch pädagogische Aufgaben erfüllten, habe ich meine Meinung rasch geändert. Unsere Tochter hängt sehr an uns, aber trotzdem war sie jeden Morgen ganz versessen darauf, ins Dagis zu kommen. Für sie war das eine Zeit von Spiel, Freude und Lernen."

Doch allumfassend ist auch in Schweden die Zufriedenheit mit dem Dagis-System nicht. Die Sozialsparmaßnahmen der neunziger Jahre machen sich in größeren Kindergruppen bemerkbar. Und die bürgerliche Opposition propagiert in diesem Wahlkampfjahr das Ziel, Alternativen zum System der Ganztagsbetreuung anzubieten. Doch auf ein gemeinsames Programm zur Familienpolitik haben sich die vier bürgerlichen Parteien nicht einigen können, und ihrem Vorstoß räumt man nur geringe Chancen ein. Das Dagis-System ist in Schweden nun mal fest etabliert. Und laut jüngsten Umfragen sind zumindest hier in Stockholm immerhin neun von zehn Eltern mit dem Dagis zufrieden.

Anne Rentzsch

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