Anrecht auf geprüfte Zensuren

Von Zensuren bleiben schwedische Kinder lange verschont: Frühestens im siebten Schuljahr dürfen hier zu Lande Noten vergeben werden. Nach der langen Geruhsamkeit fällt dann bei so manchem der Schock über eine schlechte Note um so größer aus. Doch nun naht für unzufriedene Schüler Hilfe: Sie sollen die Möglichkeit erhalten, gegen schlechte Zensuren Beschwerde einzulegen.

Über diesen neuen Vorschlag berät gegenwärtig das Schulgesetz-Komitee. Demnach soll ein Schüler, der sich in einer schriftlichen Arbeit ungerecht bewertet fühlt, Beschwerde einlegen und für die Behandlung seines Anliegens rasch kompetente Hilfe erhalten können. Rasch, lautet das Stichwort: denn schon jetzt haben Schwedens Schüler das Recht, sich über Zensuren zu beschweren. Das Neue: Künftig soll eine Art Express-Überprüfung stattfinden, bei der der Schulleiter oder eine andere kompetente Person die Arbeit des Schülers innerhalb einer Woche begutachtet.

Stures Büffeln für gute Noten?
Das klingt zumindest aus Schülersicht nicht schlecht. Doch die Lehrer sind weniger begeistert. Per Wadman vom Landesverband der Lehrer kritisiert vor allem, dass das Beschwerde-System nur für schriftliche Leistungen gelten soll: "Dies ist ein großer Mangel. Als Lehrer sollte man ja die Gesamtleistung des Schülers bewerten und dazu gehören noch eine Menge andere Dinge", so der Pädagoge.

Er fürchtet, dass mit dem neuen Gesetz das sture Büffeln für Klausuren immer wichtiger wird. Schließlich gehe es nicht nur um Faktenwissen, sondern darum, dies auch schöpferisch anwenden können. Darüber hinaus hätten viele Schüler ihre Stärken eben nicht im schriftlichen, sondern im mündlichen Bereich. "Die Fähigkeiten und Fertigkeiten dieser Schüler würden künftig nicht die gerechtfertigte Anerkennung finden", fürchtet Per Wadman.

In Kürze nun wird das Schulgesetz-Komitee die neuen Regeln vorschlagen. Sollten sie Gesetzeskraft erlangen, dann können sich die Schuldirektoren wohl auf arbeitsreiche Zeiten einstellen. Denn dass die Möglichkeit zur Beschwerde eifrig genutzt werden, ist vorauszusehen. Schließlich streitet man in Schweden immer noch darum, ob Zensuren nicht überhaupt gefährlich, da spaßmildernd für die Schüler sind. Der neue Vorschlag könnte diesen Spaßfaktor im Pippi-Langstrumpf-Land zweifellos erhöhen. Dass das Ansehen des Lehrerberufs unterdessen stetig sinkt, ist die andere Seite der Medaille.

Anne Rentzsch

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