Lese-Schreib-Schwäche

Eine königliche Schwäche

Es ist ein unsichtbares Handicap, eine Behinderung, über die Betroffene aus Scham oft schweigen. Mit Ausflüchten wie: „Ich hab meine Brille nicht dabei" oder „Ich kann nicht unterschreiben, meine Hand zittert so" hangeln sie sich so manches Mal durch den Alltag: die Dyslektiker, also Menschen mit Lese- und Rechtschreibschwäche. Lange galt jemand, der ein x nicht vom u unterscheiden konnte, als dumm. In Schweden hat sich das in den letzten Jahren gründlich geändert.

Die Wände in Thorbjörn Lundgrens Wohnzimmer sind bis zur Decke mit Bücherregalen gepflastert. Hier wohnt ganz offensichtlich ein Buchliebhaber! Aber wie ist das mit seinem Handicap vereinbar? „Ich weiß von allen meinen Büchern, welchen Inhalt sie ungefähr haben... aber ich muss zugeben, ich hab sie bei weitem nicht alle gelesen. Ich mag einfach Bücher und sammele sie. Und sie sind mir oft eine große Hilfe, wenn ich schreibe. Speziell Namen fallen mir schwer, da schlage ich öfters nach."

Das Schreiben fällt Thorbjörn Lundgren schwer, und das Lesen auch. Besonders auf Kriegsfuß steht er mit dem kleinen b und d. Die ähneln sich verflixterweise allzu sehr. Am aktuellen Tagesgeschehen ist er sehr interessiert und greift auch mal zur Zeitung. Aber für einen Zeitungsartikel braucht er eben zwei- bis dreimal so lange wie ein Durchschnittsleser. Äußerst entgegen kommt ihm daher der Service, den einige schwedische Zeitungen seit kurzem anbieten: per Internet kann der gesamte Zeitungsinhalt Artikel für Artikel abgefragt werden, eine elektronische Stimme liest ihn vor.

Als Thorbjörn Lundgren die Internet-Adresse eingibt, schleicht sich zwar zunächst ein Buchstabenfehler ein, doch der ist schnell behoben und los geht´s mit der akustischen Lektüre des Boulevardblatts „Expressen". Thorbjörn Lundgren hofft, dass künftig mehr Zeitungen diesen akustischen Dienst anbieten. Doch ganz aufs bequeme Hören will er sich keinesfalls verlegen. Schließlich führt er schon seit seiner Kindheit tagtäglich einen zähen Kampf mit den kleinen teuflischen Zeichen, aus denen die meisten Erwachsenen ohne großes Nachdenken flugs Wörter und Sätze formen.

Doch schätzungsweise fünf bis acht Prozent der schwedischen Bevölkerung leben in steter Furcht vor dem Buchstabendschungel, so wie die Hauptfigur im Roman „Die Macht des geschriebenen Wortes":

„Carolina hatte die malerische Sprache ihres Vaters immer bewundert. Wenn sie vor ihrer Klasse stand, dann wünschte sie oft, sein Erzähltalent zu haben. Aber erst heute hatte sie sich in ihr Auto gesetzt, um ihm die eine, klare Frage zu stellen: ,Papa, kannst du lesen?´ Åke stand auf vom Tisch, ging zum Fenster und sprach dann mehr zu sich selbst als zu ihr: ,Was meinst du, wie ich´s versucht habe! Ich hab mich mit dem Finger von Buchstabe zu Buchstabe gehangelt, wie ein Schulanfänger... Hast du eine Ahnung, wie glücklich ich war, wenn ich plötzlich mitten in all der Mühe deinen Namen erkannt habe? Wenn ich kapiert hab: dort steht Carolina?´"

Autor der Erzählung über das lange stille Leiden und schließlich befreiende Outing des Legasthenikers Åke ist Thorbjörn Lundgren. Ebenso wie Åke, so erzählt er, habe er sich lange mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen, bei denen Lesen und Schreiben kaum gefragt waren. So arbeitete er jahrelang als Nachtportier. Aber das Interesse für Literatur war zu stark, um vor den Problemen zu kapitulieren. Jahrelang übte er, hörte Romane auf Tonkassetten, schrieb schließlich selbst und scheute sich nicht, die fehlergespickten Texte zur Korrektur Freunden zu überantworten. Die ermunterten ihn. Denn trotz der betrüblichen Rechtschreibung merkten sie: hier schreibt einer mit Talent.

Fünf Bücher hat Lundgren inzwischen herausgebracht. „Ich habe immer ganz bewusst um Hilfe gebeten, habe deutlich gemacht, was ich nicht kann. Überhaupt unterscheide ich mich wohl von vielen Leidensgenossen dadurch, dass ich mich für meine Schwierigkeiten nie geschämt habe. Übrigens befinde ich mich als bekennender Schriftsteller mit Lese- und Rechtschreibschwäche in guter Gesellschaft. Eine Reihe namhafter Autoren hat sich ja in den letzten Jahren in Schweden zu ihrem Problem bekannt."

Offenheit sei das Wichtigste um dem Problem beizukommen. Als Vorstandsmitglied im Verband der schwedischen Legastheniker kümmert Lundgren sich jetzt vor allem um die Situation in den Schulen. So setzt er sich für Lehrmittel ein, die speziell auf Legastheniker ausgerichtet sind: Texte können zum Beispiel per Computer eingelesen oder gehört werden, auch das Computerkorrekturprogramm Word leistet oft wichtige Hilfe. Erwachsene im Berufsleben haben in Schweden das verbriefte Recht auf derlei Hilfestellung.

In den letzten Jahren ist in Schweden viel geschehen, um das Problem publik zu machen. Ein Paukenschlag war Ende der neunziger Jahre auch das öffentliche Outing von König Carl Gustav als Legastheniker. Lange hatte man zuvor getuschelt, wenn das Staatsoberhaupt bei Reden mal wieder Schnitzer machte. Inzwischen sind die schadenfrohen Stimmen verstummt - der König ist halt Legastheniker. Na und?

„Hätte man vor 10-15 Jahren Leute auf der Straße gefragt, was Lese- und Rechtschreibschwäche bedeutet, hätten wohl viele damit nichts anzufangen gewusst oder sie hätten gesagt, die betroffenen Leute wären halt ein bisschen blöd. Heute würde wohl niemand mehr so reagieren. Die meisten wissen, was Lese- und Schreibschwäche ist und dass sie mit fehlender Intelligenz nichts zu tun hat, glaubt Thorbjörn Lundgren.

Anne Rentzsch

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