Engagement gegen Genitalverstümmelung

Alle 15 Sekunden erleidet irgendwo auf der Welt ein kleines Mädchen eine Genitalverstümmelung. Dieser brutalen Praxis hat Waris Dirie ein Gesicht gegeben. In ihren Büchern "Wüstenblume" und "Nomadentochter" beschreibt die Frau aus der Wüste Somalias ihr Schicksal - ihre Beschneidung, ihre Flucht, ihre Karriere als Topmodel im Westen. Seit einiger Zeit ist Waris Dirie auch Sonderbotschafterin der Vereinten Nationen im Kampf gegen die Genitalverstümmelung. In dieser Funktion kam sie jetzt zu einem Seminar nach Schweden, genauer gesagt nach Rinkeby - einem Vorort Stockholms, geprägt von Immigranten.

"Ich hatte ein wunderbares Leben, eine wunderbare Kindheit bis auf diese eine Sache!" sagt Waris Dirie, unglamourös gekleidet in Jeans, Pulli und Turnschuhen, eine dunkellila Ledermütze auf dem Kopf. Und diese eine Sache - das war ihre Beschneidung im Alter von 5 Jahren.

Brutale und schmerzhafte Prozedur
Doch Beschneidung ist ein beschönigendes Wort: Verstümmelung wäre zutreffender. Werden doch den Mädchen die Klitoris weggeschnitten und die Schamlippen - somit die empfindlichsten Teile des weiblichen Körpers. Und dann wird die Wunde oft - so wie auch bei Waris Dirie - zugenäht mit primitivsten Geräten, ohne Betäubung. Ein Zitat aus Diries Buch "Wüstenblume": "Als die Beschneiderin mich zunähte, hatte sie für den Urin und das Monatsblut nur ein winziges Loch offengelassen, ein Loch in der Größe eines Streichholzes. Mit dieser ausgefeilten Methode sollte sichergestellt werden, dass ich vor meiner Hochzeit keinen Sex habe, und mein Ehemann nachprüfen konnte, dass er eine Jungfrau bekam."

130 Millionen Frauen weltweit - so schätzt man - sind genitalverstümmelt. Die Praxis ist in Afrika am verbreitetsten.

In Schweden ist Beschneidung verboten
In Schweden wurde das Problem in den achtziger Jahren deutlich. Damals kamen Tausende von afrikanischen Flüchtlingen, vor allem aus Somalia. Heute leben circa 20.000 hier. Der schwedische Staat reagierte schnell: 1982 verbot man jegliche Form von weiblicher Genitalverstümmelung. Vor drei Jahren wurde das Gesetz verschärft. Jetzt macht sich auch schuldig, wer eine Verstümmelung im Ausland durchführen lässt.

Doch verurteilt wurde bislang noch niemand. Das Verbot - das muss auch Schwedens Integrationsministerin Mona Sahlin erkennen - wird umgangen. Umso wichtiger, so die Ministerin, seien daher Aufklärung und Information: "Ich glaube, dass auch in Schweden geborene Mädchen verstümmelt werden. Möglicherweise nicht hier in Schweden sondern auf einer Reise in ihre Heimatländer. Was wir dagegen tun können ist, darauf aufmerksam zu machen."

Mit Aufklärung gegen die Verstümmelung
Von staatlicher - aber auch von privater Seite - gibt es eine Vielzahl von Projekten im Kampf gegen die Beschneidung. Die Sozialverwaltung und das Ministerium für Gleichberechtigung arbeiten mit Schulen und Vorschulen, Krankenhäusern und Geburtenkliniken zusammen. Terrafem, ein Frauennetzwerk für Einwandererfrauen, bietet ein Krisentelefon mit Beratung in 20 Sprachen an.

Und es gibt RISK, Riksförbundet Stoppa kvinnlig könsstympning, den Verband "Stoppt weibliche Genitalverstümmelung". Dessen Vorsitzende, Fana Habteab, räumt mit einem weit verbreiteten Vorurteil auf: "Unser erstes Treffen hatten wir in Nyköping in einer Moschee. Warum in einer Moschee? Um deutlich zu machen, dass Genitalverstümmelung nichts mit Religion zu tun hat."

Weder der Koran, noch die Bibel erwähnen die Beschneidung. Die Praxis geht vielmehr auf vor-islamische und vorchristliche Ideen zurück. Genitalverstümmelung, so das einhellige Urteil bei der Veranstaltung in Rinkeby, sei als eine Jahrtausende alte patriarchale Tradition zur Kontrolle von Frauen zu betrachten. Eine Tradition, in der die unbeschnittene Frau als unrein gilt, als aussätzig. Eine Tradition, die trotz vieler Abschaffungsversuche, auch hier in Schweden noch weiter lebt.

Waris Dirie und viele andere haben den Kampf aufgenommen gegen eine Praxis, die eine sudanesische Chirurgin einmal so veranschaulichte: Das anatomische Gegenstück dieses Eingriffes bei einem Mann wäre das Abtrennen des gesamten Gliedes, und das ohne jede Betäubung, mit einer schmutzigen Glasscherbe.

Der Appell Diries an die rund 250 Besucherinnen und Besucher in Rinkeby war denn auch eindeutig. "Wir wissen", sagt sie, "was richtig und was falsch ist, aber wir ignorieren das Unrecht, das vor unseren Augen geschieht. Danke, dass ihr gekommen seid, aber jetzt will ich, dass ihr hinausgeht und eine noch bessere Arbeit leistet als ich!"

Karin Bock-Häggmark

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