Soziales Lernen durch Schülerassistenten

Warum schneiden schwedische Schüler in internationalen Tests verhältnismäßig gut ab, besser jedenfalls als deutsche Schüler? Eine Antwort könnte sein: Schweden setzt auf Förderung statt auf Auslese. Anstatt leistungsschwächere Schüler gleich zu Beginn auf eine "ihrer Kapazität entsprechende Schule" zu verweisen, gehen in Schweden zunächst alle Schüler auf eine Gesamtschule. Leistungsschwächere erhalten hier einfach mehr Zuwendung als die anderen. Zum Beispiel durch die Elevassistenter - die Schülerassistenten.

Beim Spanischunterricht in der 8b der "Engelska Skolan Söder" - der englischsprachigen Schule im Stockholmer Stadtteil Gubbängen, hat die Lehrerin den Schülern eine Sprachübung in kleinen Gruppen aufgetragen. Während sich die einen sofort an die Arbeit machen und munter drauflosreden, haben andere zunächst einige Probleme, mit dem Tempo Schritt zu halten. Doch das ist kein Problem - die Leistungsschwächeren geraten dadurch nicht automatisch ins Abseits. Für sie ist da. Der Deutsche ist "Elevassistent" - was im Deutschen soviel wie "Schülerassistent" bedeutet. Während die Lehrerin unterrichtet, überwacht der 29-Jährige aufmerksam die Klasse und springt sofort ein, wenn jemand Hilfe braucht. So wie der 13-jährige Ibsa, der nicht so recht weiß, wie er "Kirsche" vom Spanischen ins Englische übersetzen soll.

Gezielte Förderung von schwächeren Schülern
In Schweden gibt es bis zum Ende der neunten Klasse keine Leistungsdifferenzierung - alle gehen auf ein und dieselbe Schule, sowohl sehr starke als auch sehr schwache Schüler. Von der Auswahl nach dem deutschen Modell halten die Schweden nicht viel. Alle sollen zunächst einmal die selbe Chance bekommen und ihr Potenzial an geistigen Fähigkeiten entfalten können. Und damit die Leistungsschwächeren nicht von vornherein hinten runter fallen, wird auf gezielte Förderung der Schwächeren gesetzt: "Um dieser Gefahr der Spaltung vorzubeugen, werden hier die Schülerassistenten eingestellt, um dem zu begegnen. Die Gefahr ist, dass die schwachen Schüler eben nicht mitkommen", erläutert Matthias Rowe. "Sie zeigen dann auch Schwierigkeiten. Das ist ja sehr oft korrelierend: akademisches Verhalten und soziales Verhalten. Und insofern ist es wichtig, Menschen zu haben, die dann kompensierend wirken und dort anpacken, wo Schüler nicht mitkommen, damit sie auf das höhere Niveau der anderen gehoben werden können."

Die Spanischstunde ist vorbei und Matthias Rowe in den nächsten Klassenraum geeilt. Dort wartet schon der 14-jährige Thjell auf ihn. Thjell hat Probleme mit dem Lesen und Schreiben und bekommt deshalb von Matthias Rowe Nachhilfeunterricht. Für ihn - wie auch für andere Schüler mit Lernproblemen - gibt es ein maßgeschneidertes individuelles Programm. Heute lesen Matthias und Tjiell zunächst einen Text über die verschiedenen Kontinente. Später dann diktiert Matthias Rowe verschiedene Wörter aus dem Text - und Tjell muss sie buchstabieren und danach aufschreiben.

"Selbstwertgefühl des Schülers am wichtigsten"
Unterschiedliche Lernfähigkeiten werden an schwedischen Schulen nicht nur akzeptiert, sondern auch positiv für den individuellen Lernprozess genutzt. Leistungsschwächere Schüler bleiben hier nicht einfach sitzen und müssen das Jahr nicht stur noch mal wiederholen. Noten gibt es in Schweden bis zur achten Klasse nicht, die Lehrer geben allgemeinere Beurteilungen. Anstrengungsbereitschaft und Leistung - davon sind die Schweden überzeugt - wachsen nicht aus Lerndruck und Konkurrenzdenken, sondern aus Selbstvertrauen und Lernermutigung.

Matthias Rowe sieht das als einen positiven Ansatz: "Ich glaube, das Wichtigste ist das Selbstwertgefühl eines Schülers. Das steht noch vor jedem akademischen Erfolg. Wenn sich jemand überhaupt nicht leiden kann oder ein schwaches Selbstbild hat, wird er ganz große Schwierigkeiten haben, sich zu motivieren zu lernen. Und das ist viel wichtiger, denke ich, noch bevor man mit dem fachlichen, akademischen Lernen anfängt. Mir geht´s darum, dass die Schüler ein positives Bild von sich selbst entwickeln, dass die sich akzeptieren können, so wie sie sind, mit ihren Stärken und Schwächen. Und darauf aufbauend kann dann auch fachlich gelernt werden, was dann meine Kollegen, die Lehrer, machen. Ich sehe mich eher so an der Basis stehen. Um den Kindern zu zeigen: ´He ich nehme dich wahr. Du bist ein Mensch in dieser Schule und du bist wertvoll so wie du bist.´ Das ist halt die grundlegendste Sache schlechthin für jeden Menschen."

PISA-Studie unterstützt Lerntheorie
Die PISA-Studie scheint dem studierten Sozialpädagogen jedenfalls recht zu geben: Denn hier schneiden die Länder am besten ab, die alternative und kreative Lernmodelle bieten: Finnland, England, Japan und eben Schweden. Schweden hat laut PISA zudem das demokratischste Schulsystem. Denn in keinem anderen Land gelingt es so gut, auch Kindern aus sozial schwachen Familien zu hohen Schulabschlüssen zu verhelfen.

Gutes Lernen funktioniert eben nicht nur mit Schülern, die die gleichen Lernvoraussetzungen und das gleiche Lernziel haben. Das zeigt auch das Beispiel des 14-jährigen Emil: "Ich hatte Probleme mit Dyslexie. Ich konnte also nicht klar schreiben, den Lehrern fiel es sehr schwer, meine Schrift zu lesen. Mit Matthias habe ich dann geübt, ich habe angefangen, spezielle Bücher zu lesen. Und es hat geholfen: Ich wurde besser und besser und jetzt bin ich ein ziemlich guter Schüler."

Emils Schülerbiographie zeigt: Chancengleichheit und gute Leistung müssen im Bildungswesen keine Gegensätze sein. Vielmehr sorgt Auslese für Leistungsarmut und graues Mittelmaß. So bildet beispielsweise Deutschland, wo Verschiedenheit mehr als Störfaktor denn als didaktische Herausforderung betrachtet wird, bei den Schülerleistungen und in der Kategorie "soziale Chancengleichheit" denn auch das Schlusslicht in der PISA-Studie. Schweden steckt doppelt so viel Geld in sein Schulsystem wie Deutschland.

Skandinavisches Schulsystem anders als in Deutschland
Schwedische Schulen sind mehr oder weniger Ganztagsschulen, das Lehrpersonal ist den ganzen Tag für die Schüler ansprechbar. So auch Schülerassistent Matthias Rowe. Der gebürtige Lüneburger, der vor anderthalb Jahren nach einem Praktikum in Schweden geblieben ist, ist neben seinem Job als Nachhilfelehrer auch Kontaktperson, Ansprechpartner und Vertrauter für alle Schülerbelange.

Dabei handelt es sich um simple Fragen nach dem nächsten Fußballspiel, aber auch um Integrationsschwierigkeiten, Mobbing oder Aggressivität - eben alle sozialen Probleme, erzählt er: "Dem glaube ich, kann man wirksam begegnen, indem man an den Schulen mehr Sozialpädagogen einstellt, die sich speziell um die Schülerprobleme außerhalb des Unterrichts kümmern. Denn gerade dort treten die meisten Probleme treten auf, in den Pausen, auf dem Weg nach Hause. Im Unterricht gibt es ganz selten Schwierigkeiten und wenn, dann kann man ihnen gut begegnen. Aber in der Pause, da brauchen die Schüler jemanden, der ihnen Vorbild ist, der ihnen Orientierung bietet, der sie zum Mitmachen animiert, der auch Außenseiter in die Mitte holt. Und das braucht jede Schule."

Rolle als Schülerassistent wichtig
Und so dreht Matthias Rowe jede Pause seine Runden und schaut, was auf den Fluren los ist. Schnell kommt er mit einer Gruppe 13-jähriger Jungen ins Gespräch und fragt, ob sie am nachmittag nicht mit Tischtennis spielen wollen.

Seinen Job als Kontaktperson außerhalb des Unterrichts empfindet Matthias Rowe als mindestens ebenso wichtig wie die Förderung leistungsschwächerer Schüler. Denn das wichtigste für jede Pädagogik, jede Erziehung ist immer, so sagt er, die Beziehung zwischen Erzieher und zu Erziehendem: "Was ich mache, ist im Grunde Basisarbeit. Dass ich zu Schülern ein Verhältnis aufbaue, was geprägt ist von Vertrautheit, von Geborgenheit, auch von Offenheit. Dann - darauf aufbauend - mit den Schülern auch zu arbeiten, effektiv zu lernen, soziales Verhalten auch einzustudieren. Dafür ist eben die Grundvoraussetzung die pädagogische Beziehung zu den Schülern natürlich. Und ich, der nun tagtäglich mit den Schülern kommuniziert, interagiert, bekomme sehr viel mit. Unser Kontakt ist auf einer anderen Ebene, mit den Schülern auf der selben Ebene sozusagen. Wir sprechen dieselbe Sprache, reden über Sport, über Zeitungen über Familie. Und diese Arbeit an der Basis ist glaube ich ganz wichtig für jedwede pädagogische Tätigkeit."

Später in der Turnhalle scherzt Matthias Rowe mit den Jungen, die zum Tischtennis gekommen sind. Immer wieder feuert er die Teenager an - und allen steht die Zufriedenheit ins Gesicht geschrieben.

Andrea Kalbe

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