Carola Nilstein - Erfinderin der Pipinette

Erfindungsreichtum und Wohlstand gehören zusammen, sowohl privat- als auch volkswirtschaftlich. Denn ohne Neuentwicklungen, die später in Serie produziert werden, tut sich in der Industrie nicht viel. Ein unausgeschöpftes Potential sind dabei vielfach Erfinderinnen, die sich um die praktischen Alltagsgegenstände Gedanken machen. Um sie bemüht sich auch das Zentralamt für industrielle und technische Entwicklung. Und tatsächlich, eine Reihe Frauen, die geniale Ideen haben, kann diese inzwischen auch erfolgreich vermarkten. Eine von ihnen ist Carola Nilstein, die Erfinderin der Pipinette.

Ja, es ist, wonach es klingt. Die Pipinette ist ein Pinkelpöttchen für Frauen, aber nicht nur sie benutzen es gerne, sondern zunehmend auch Männer. Die Pipinette ist aus Kunststoff, oval und schmal geschnitten, ein Deckelchen obenauf, sie sieht geradewegs chic aus in ihrem kühlen, funktionellen Design.

Ihre Erfinderin heißt Carola Nilstein: „Ich habe eine deutsche Schwiegermutter, die war Handelsreisende für Spielzeug. Sie war viel mit dem Auto unterwegs, und bevor sie zu ihren Kunden rein ging, stellte sie den Wagen auf den Parkplatz und machte in eine kleine Dose rein, die sie dann neben dem Auto ausschüttete. Ich selber bin viel gesegelt, und da sah man dann alle Frauen, die verschiedensten Töpfchen und abgeschnittene Plastikflaschen benutzten. Manche setzten sich sogar auf einen Eimer, und das ist nicht sehr bequem!"

Also dachte Carola Nilstein, sollte es etwas geben, das frau im Stehen benutzen kann, ohne sich hinhocken zu müssen, angenehm körpergerecht geschnitten, etwas leichtes und praktisches vor allem auch für unterwegs. Sie machte sich daran, die beste Form zu finden. „Ich habe Aquarellpapier genommen und verschiedene Formen ausprobiert, sie zusammengeklebt und das ganze dann in Kerzenparaffin getaucht. Das ist ja eine unglaublich weibliche Lösung, so hab ich verschiedene Modelle und Größen hergestellt bis ich ein Gefäß entwickelt hatte, das bequem war! Einen Prototyp."

Erste Plastik-Pipinette kostete über 100.000 Euro
Eine Industriedesignerin hat das Aussehen zur Vollendung gebracht. Die erste Pipinette aus Plastik herzustellen, war recht schwierig und kostenintensiv - 100.000 Euro kostete alleine das passende Werkzeug. Heute gibt es zwar staatliche Instanzen wie das Innovationszentrum, die Frauen finanziell unterstützen, aber 1995, als Carola mit ihrer Pipinette anfing, arbeitete diese Organisation noch nicht. Geld für Erfindungen zu leihen, war sehr schwer. Die herkömmlichen Kreditgeber konnten nicht richtig verstehen, dass ein Nachttopf für Frauen eine erfolgreiche Produktidee sein kann.

Carola Nilstein hatte Glück; sie bekam Hilfe und Kredit vom Hjälpmedelsinstitutet, dem öffentlichen Wissenschaftszentrum für Behindertenhilfsmittel. Schließlich lässt sich die Pipinette nicht nur auf Reisen, sondern vortrefflich auch im oder am Bett anwenden, also von älteren oder kranken Menschen. Als ihre Pipinette bekannt wurde und sie viel Rückmeldung bekam, erfuhr Carola, dass es in Schweden schon eine Reihe historischer Töpfe für Frauen gab. Die berühmte Porzellanfabrik in Gustavsberg etwa hatte im 19. Jahrhundert Töpfchen, die ungefähr wie Saucieren aussahen, für die Frauen der Mittel- und Oberschicht hergestellt, bevor es WCs gab. Es war eine Klassenfrage, die Arbeiterfrauen hatten natürlich keinen Zugang zu solchen Dingen.

Bald ins Museum?
In München, so erfuhr Carola von Freunden, gibt es ein Museum mit Frauenzimmerpinkeltöpfen, Bordalou genannt: „Man sagt, es gab einen Pastor namens Bordalou und der hielt immer so lange Predigten, dass die Frauen solche kleinen Töpfchen in die Kirche mitnahmen. Und ich habe mich ja schon immer gewundert, wie man es in Dalarna machte, wenn die Leute zig kilometerlange Schlittenfahrten machten. Oder Frauen so um die 50 Jahre, die vielleicht 10, 15 Kinder geboren haben, wie sollten die einen so langen Gottesdienst durchhalten? Es gibt in Schweden nur ganz wenige Forschungsarbeiten darüber, welche Gepflogenheiten es da gab. Gingen die Frauen raus, eine nach der anderen, auf den Kirchenhügel, und lupften da die Röcke? Vermutlich!"

Manche Pipinette-Benutzerinnen beschwerten sich, dass der Deckel nicht gehalten habe. Doch war es ja auch nicht im Sinne der Erfinderin, das Ganze gut verschlossen mit sich herumzutragen. Aber Carola Nilstein dachte nach und erfand das Travelkit; ein Päckchen mit Spezialpulver, das auch in Binden und Windeln verwendet wird und Flüssigkeit sofort zu einer festen Masse verwandelt. Das legt man in ein kleines Plastiktütchen, mit einem ovalen Plastikhalter. „Dieses Travelkit kann man immer und überall benutzen, das funktioniert ausgezeichnet. Und das kleine Päckchen kann man dann in den nächsten Papierkorb werfen. Ich habe das schon oft gemacht, in Umkleidekabinen in Stockholm oder anderswo! Man muss nur eine gewisse Hemmschwelle überwinden, aber es ist superschön, so was in der Handtasche dabei zu haben, besonders im Ausland. Es ist immer leichter, eine Umkleidekabine zu finden als eine Toilette!"

Auf Reisen können genervte Eltern auch viele Pinkelpausen umgehen - bis zu drei Kinder können das Travelkit auf der Rückbank benutzen, das Päckchen schluckt problemlos 1,5 Liter Flüssigkeit. Auch Männer haben die Vorteile des heimlichen Blasenerleichterers für sich entdeckt. Familie Nilstein ist inzwischen begeistert von ihrem Erfindungsreichtum, versichert Carola.

Katja Bürki

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