Zu wenig Organspenden

Schweden gehört bei Organspenden zu den Schlusslichtern in Westeuropa. Dabei sind 87 Prozent der Schweden positiv zu Organspenden eingestellt, aber über die Hälfte von ihnen teilt das der Familie nicht mit.

Dabei würde ein kurzes Gespräch im Familienkreis genügen, sagt Annika Tibell, Leiterin der Klinik für Transplantationschirurgie am Universitätskrankenhaus Huddinge in Stockholm.

"Die Betroffenen selbst haben oft nicht offiziell Stellung zu Organspenden genommen. Statt dessen müssen die Angehörigen in einer schweren Situation entscheiden. Und da sagen sie oft sicherheitshalber "Nein", bedauert Annika Tibell, "Wenn alle ihren Angehörigen erzählen würden, ob eine Organspende in Frage kommt, oder nicht, könnten viele Leben gerettet werden. Wir wissen ja, dass viele ihre eigenen Organe zur Verfügung stellen würden, Aber es ist viel schwerer solche Entscheidungen für andere Menschen zu treffen."

Mehr als die Hälfte aller möglichen Organspenden unterbleibt, weil die Angehörigen die Einstellung der Verstorbenen nicht kennen. 50 Prozent der Schweden hat die Familie nicht informiert.

Viele Angehörige mit Entscheidung überfordert
Die Anästhesieärztin Maria Kock-Redfors spitzt die Erfahrungen noch weiter zu. In ihrem Buch "Plötzlicher Todesfall - Betreuung von Angehörigen in der Krise" kommt sie zu einem erstaunlichen Ergebnis: häufig verursachen die Ärzte das "Nein" selbst, weil sie die bestürzten Hinterbliebenen im falschen Augenblick oder auf die falsche Art fragen, bevor diese Gelegenheit hatten sich einigermaßen zu fassen. Viele Angehörige fühlen sich überfordert und geben vorsichtshalber ihre Zustimmung nicht.

Hier müssen die Profis im Gesundheitswesen umdenken und sich mehr Zeit nehmen, meint auch Håkan Gäbel vom Zentralamt für Gesundheitswesen. Die Nachricht vom Tode eines Angehörigen direkt mit der Frage nach der Organspende zu verknüpfen sei unnötig, nach schwedischem Gesetz muss die Transplantation erst 24 Stunden nach Eintreten des Gehirntodes erfolgen.

Außerdem wird auch im Spendenregister kontrolliert. Dort haben 1,2 Millionen Schweden mitgeteilt, ob sie grundsätzlich bereit sind, ihre Organe für Transplantationen zur Verfügung zu stellen. Allerdings gerät das Register bei der Bevölkerung langsam in Vergessenheit, eine Kampagne mit staatlichen Mitteln soll die Bevölkerung daran erinnern, sich einzutragen, sagt Gäbel.

"Oft falsche Vorstellungen"
"Oft haben diejenigen, die sich nicht für Organspenden anmelden, auch falsche Vorstellungen. Sie glauben, dass sie zu alt oder zu krank sind und deshalb als Spender nicht in Frage kommen. Wir möchten nur, dass Menschen, die bereit sind, Organe zu spenden, das mitteilen. Ihren Angehörigen, durch Spendenkarten, die sie bei sich tragen, oder im offiziellen Spendenregister", wünscht sich Annika Tibell, dann sei der Mangel an Organen weitgehend behoben.

In Großbritannien und Schweden, den beiden Schlusslichtern der westeuropäischen Organspendenstatistik, brechen Ärzte die Behandlung von Patienten, deren Leben nicht mehr zu retten ist, häufig ab. In Spitzenländern der Spendenstatistik, etwa in Spanien, wird die medizinische Behandlung zunächst fortgesetzt. Das ist grundsätzlich eine ethische, eine Gewissensfrage.

Gute Organisation wichtig
Aber der große Unterschied, so Annika Tibell, ist eine gut ausgebaute Organisation in Spanien, die dafür sorgt, dass mögliche Organspender schon früh ausfindig gemacht werden. Darum bemühen sich an großen Krankenhäusern spezialisierte Mitarbeiter. Sie sind auch für den wichtigen Kontakt mit den Angehörigen zuständig. Die Voraussetzungen für Transplantationen werden damit grundlegend verbessert.

Dieser Ansatz wird zum Beispiel im Karolinischen Krankenhaus in Stockholm getestet. Annika Tibell sieht bereits Erfolge und würde gerne in allen großen Kliniken in Schweden auf Spendenorgane spezialisierte Mitarbeiter sehen.

Sybille Neveling

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