Dissonanzen zwischen Stockholm und Washington

Ob bei der Stellungnahme zu den Terroranschlägen am 11. September oder beim darauf folgenden Angriff der USA auf Afghanistan - noch nie zuvor war das Verhältnis zwischen den USA und Schweden so unbeschwert, ja geradezu herzlich. Doch seit einigen Monaten gibt es Verstimmungen. Schweden übt Kritik und den USA passt der Ton nicht.

Schleichend kommt sie daher - die Verschlechterung in den schwedisch-amerikanischen Beziehungen. Dies stellt jetzt die größte schwedische Tageszeitung Dagens Nyheter fest. Dabei hatten sich die Beziehungen seit Mitte der neunziger Jahre so gut entwickelt, wie selten zuvor. Und das lag vor allem an der Haltung Schwedens. Vergessen waren die Zeiten als Olof Palme in den 70 Jahren die USA für den Vietnamkrieg öffentlich geißelte.

Vom aktuellen Ministerpräsidenten, Göran Persson, gab es dagegen Unterstützung für die USA nach dem 11. September. Die Terroranschläge gäben ihnen das Recht Afghanistan anzugreifen. Auch dürfte es dem Weißen Haus in Washington gefallen haben, dass Persson einen Kurswechsel in der schwedischen Nahostpolitik vornahm - weg von der fast bedingungslosen Unterstützung der Palästinenser hin zu einem mehr ausgewogenem Bild mit viel Verständnis für die Lage Israels.

Schwedischer Staatsbürger auf Guantanamo gefangen
Zu ersten Mißstimmungen in der neuen Freundschaft kam es dann jedoch mit der Gefangennahme eines schwedischen Staatsbürgers in Afghanistan und dessen Verlegung auf den kubanischen US-Stützpunkt Guantanamo. Außenministerin Anna Lindh forderte mit Nachdruck, dass sich die USA an die Regeln des Völkerrechtes halten müssten. Ähnlich rigoros setzten sich die Schweden für Mitbürger ein, die wegen Terrorverdachtes mit Sanktionen belegt worden waren.

Jetzt, wo sich der Riese USA auf den Schlag gegen den Irak vorbereitet, ist die Lage besonders sensibel. Viel Unverständnis gab es deshalb für den Kommentar von Außenministerin Lindh zu einem Ereignis im Herbst des vergangenen Jahres. Damals hatten die USA im Jemen ein Auto mit mutmaßliche Terroristen mittels einer Drohne angegriffen. Sechs Menschen waren dabei ums Leben gekommen. Lindh verurteilte die Aktion als „eine kollektive Hinrichtung, gegen die Regeln der Menschenrechte."

Antwort aus Washington
Dieser Ton ging Washington in seiner Jagd nach Terroristen zu weit. Aus den Beraterkreisen von US-Präsident Bush war zu hören, dass die Kritik von Lindh in amerikanischen Ohren sehr schlecht klinge. Für ein Land, wie die USA, so wurde erwidert, das etwas mehr Verantwortung spüre, gäbe es andere Perspektiven. Man könne sich nicht erinnern, wann Schweden das letzte Mal an einem größeren Konflikt teilgenommen habe.

Selbst innerhalb Schwedens wurde das Außenministerium wegen seines Engagements für mutmaßliche Terroristen kritisiert. Als Hintergrund mag hier dienen, dass die USA inzwischen den Rang Deutschlands als wichtigster Handelspartner Schwedens abgelaufen haben. Alle, die einen schwedischen Pass hätten, würden automatisch als unschuldig betrachtet, meint Robert Dahlsjö vom Forschungsinstitut der schwedischen Streitkräfte und fügt hinzu, dass die Probleme zu schnell auf die oberste politische Ebene gehoben wurden.

Als weitere Belastungsprobe sehen die Experten nun die Lage am Persischen Golf. Sollten die USA den Irak ohne Mandat der Vereinten Nationen angreifen, könnte es zu noch mehr Dissonanzen im schwedisch-amerikanischen Konzert kommen.

Dieter Weiand

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