Orientierungslauf ein Familiensport

Die Schweden sind verrückt nach Sport und Bewegung, egal, ob es Joggen, Ski-Langlaufen oder Fahrradfahren. Das Allemansrätt (Recht zum Gemeingebrauch) ermöglicht es, sich überall im Freien aufzuhalten, zum Beispiel im Wald. "Orientering", Orientierungslauf, heißt die Sportart, die jedes Jahr tausende Wettkämpfer im Wald nach dem richtigen Weg suchen lässt, als Elite- oder als Breitensportler wie Familie Wåhlberg.

Jannike Wåhlberg steht mit ihrem Mann und den beiden Töchtern vor der Anschlagtafel am roten Clubhaus des Sportvereins Ornäs. Alle vier tragen blaue Trainingsanzüge mit dem Schriftzug "OK Kåre Falun" auf dem Rücken, dem Logo ihres Vereins. Dazu Turnschuhe und die beiden Mädchen Rucksäcke mit eingehängtem Campingstuhl. "Unsere Jüngste startet in der Gruppe D 12 um 11 Uhr. Und Stina, die Ältere, ist in der Gruppe D 16 mit dabei, da geht´s um 11.09 Uhr los", erklärt Jannike die langen Zahlenkolonnen auf der Anschlagtafel, die der sportlichen Frau mit den rotblonden Haaren seit ihrer frühsten Jugend vertraut sind.

Familiensport

"Ich bin in einer Orientiererfamilie aufgewachsen", schmunzelt sie. "Meine Eltern waren beide Orientierungsläufer, und als ich noch im Bauch meiner Mutter lag, war ich jedes Wochenende bei den Wettkämpfen mit dabei. Ich hatte keine Wahl, ich wurde da hineingeboren."

Inzwischen ist die 45-Jährige selbst Mutter zweier Mädchen, die heute über die maßvolle Distanz von zwei Kilometern starten. Vorher treffen sie sich noch mit ihren Klubkameradinnen auf einer Waldlichtung an der Strecke, denn der soziale Teil der Veranstaltung ist fast so wichtig wie der Wettkampf selbst.

Umstanden von hohen Kiefern, an zwei Seiten eingerahmt durch das blaugelbe Band der Streckenführung, haben sich hier die verschiedenfarbigen Grüppchen niedergelassen, sortiert nach Klubs. Oben im Baum randaliert eine Amsel. Unten mischt sich der Waldgeruch mit dem Duft von frischem Kaffee.

Jetzt geht es darum, sich auf den Start zu konzentrieren: "Beim Wettkampf ist es wichtig, positiv zu denken. Und beim Orientierungslauf geht es ganz besonders darum, sich auf der ganzen Strecke zu konzentrieren. Sonst kommst du vom Weg ab und verläufst dich im Wald. Das ist für mich die Herausforderung, diese Mischung aus körperlicher Kondition und mentaler Stärke. Außerdem kommt man immer wieder an neuen Orten vorbei, es wird nie eintönig."

Der schnellste Weg

Die zehnjährige Lotta hat sich an den Start begeben. Am Mittelfinger ihrer rechten Hand ist ein Plastikstift festgeschnallt, den sie an den Kontrollpunkten auf der Strecke in einen Apparat steckt, um zu beweisen, dass sie auch wirklich alle auf der Karte eingezeichneten Punkte gefunden hat. Am linken Daumen klemmt ein Kompass, so dass sie ihn bequem an die Karte halten kann, die sie kurz vor dem Start erhält. Ihr Vater hilft beim Analysieren des Terrains auf der Karte ein bisschen mit. Jetzt gilt es, den schnellsten und sichersten Weg der knapp zwei Kilometer langen Strecke auszusuchen.

Vorbei geht es an Ameisenhaufen, liegenden Baumstämmen und Ecken im Wald, die die Kinder noch nie gesehen haben. Auf diese Weise lernen sie den Wald kennen, einen Ort, an dem Jannike Wåhlberg zu Hause ist. "Ich fühle mich sehr viel sicherer im Wald als wenn ich an einem Samstagabend in der Stadt ausgehe. Im Wald fühle ich mich geborgen, da kann mir nichts passieren. Da gibt es nur die Natur und mich. Wenn die kleine Stirnlampe ausgeht, muss ich eben im Mondschein meinen Weg finden. Aber in der Stadt kann man zusammengeschlagen werden, wenn man Pech hat."

Kontrollpunkt

Lotta und Stina nähern sich dem Ziel. Jannike rennt zu dem Punkt an der Strecke, an dem sie gerade ihre Tochter vorbeihasten gesehen hat. "Heja, heja" schreit sie gemeinsam mit den anderen Fans - Mütter, Väter und Geschwister der Orientierungsläufer. An den Kontrollpunkten schnaufen immer neue Kinder vorbei.

Nur eines haben sie im Kopf: Wie komme ich auf dem schnellsten und einfachsten Weg zum nächsten Kontrollpunkt, und wie schaffe ich es, mich nicht zu verlaufen?

Verschwitzt und mit roten Köpfen, aber glücklich sind Lotta und Stina am Ziel angekommen. Jetzt erklären sie ihren Eltern, für welche Strecke sie sich entschieden haben. Und Jannicke kann nachfühlen, was es bedeutet, wenn alles gut gelaufen ist: "Der glücklichste Moment ist für mich, wenn ich die Kontrollpunkte auf direktem Weg erwische und ich so ein Gefühl des Fließens in mir spüre, dass alles so funktioniert, wie ich gedacht habe. Das passiert ja nur einige wenige Male im Leben. Und dann gibt es solche fast magischen Momente, wenn es eine schöne Strecke ist, schöne, gut gepflegte Wälder und die Vögel zwitschern."

Agnes Bührig

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