Fundgrube schwedische Biobanken

In einem ausgesprochenen Forschungswettlauf werden weltweit komplexe Biobanken aufgebaut. In ihnen werden Blut- und Gewebeproben einzelner Bevölkerungsgruppen oder ganzer Bevölkerungen gespeichert und auch die Gesundheitsdaten der Spender. Das bekannteste Projekt einer solchen Biobank findet seit vier Jahren auf Island statt. Auch in Schweden - wo die Biotechnik staatlich gefördert wird - sind Biobanken im Aufbau.

Von den genetischen Daten versprechen sich Forschung und Pharmaindustrie die Entwicklung neuer Therapieformen und Medikamente gegen Erb- und Volkskrankheiten. Doch die Datenbanken sind auch in Schweden ethisch umstritten, weil sie in die Persönlichkeitsrechte ihrer Spender eingreifen und meist ungeklärt ist, wem genau die Daten gehören.

Lennart Eriksson hält einen kleinen Plastikbehälter in der Hand. Darin wird - eingelegt in Paraffin - eine Gewebeprobe mit Tumorzellen aufbewahrt. Die Uniklinik Huddinge im Süden Stockholms hat eine der größten Biobanken des Landes aufgebaut, unter anderem werden seit 1974 Blutproben von sämtlichen Neugeborenen und ihren Müttern archiviert.

Biodatenbanken wachsen rasant
Wie groß die Biobank inzwischen ist, das weiss auch Eriksson - er ist Chefarzt der Pathologie - nicht ganz genau, aber jährlich kommen allein an dieser Klinik rund 120.000 neue Proben hinzu. "Das sind Präparate, die bei der Behandlung des Patienten anfallen", erläutert Eriksson. "Alle Arten von Tumoren und im Grunde sämtliche Organe, die wir zur Diagnostik hier hereinbekommen." Statt immer neue Gruppen von Kranken und Gesunden zu testen, zu befragen und Blutproben zu sammeln, setzen Mediziner zunehmend auf Biobanken. Denn sie erfassen die genetischen Daten ganzer Bevölkerungsgruppen sowie Blutproben und Gesundheitsdaten der Spender.

Johan Manjer vom Universitätskrankenhaus in Malmö will mit Hilfe einer Biobank herausgefunden haben, dass Frauen, die rauchen, ein dreifach höheres Risiko eingehen, an Brustkrebs zu erkranken. In der Studie wurden Gewebeproben von mehr als 10.000 schwedischen Frauen ausgewertet, darunter auch Proben, die bereits vor zehn oder 20 Jahren genommen wurden. In Stadtteilen, in denen viel geraucht wird, sei die Zahl der Erkrankungen deutlich größer, sagt der Mediziner. Das Wissen über solche Zusammenhänge könnte vielleicht einmal dazu beitragen, Tumore rechtzeitig zu entdecken.

Internationales Interesse
Es gibt Biobanken, die Material seit den Vierziger Jahren lagern. Durch das öffentliche Gesundheitswesen und die Verwendung von individuellen Personenkennziffern im ganzen Land lassen sich für einzelne Proben auch nach Jahrzehnten noch Proben der selben Person in anderen Banken finden und gegebenenfalls vergleichen. Das macht die schwedischen Biobanken international besonders interessant.

Die Entwicklung in der Biotechnik erfuhr mit der rasanten Ausbreitung kleiner biotechnischer Unternehmen im Umkreis der Universitäten Göteborg, Lund und Stockholm einen erheblichen Aufschwung. Doch umstritten ist, wann und unter welchen Bedingungen Wissenschaftler überhaupt Körpersubstanzen nutzen dürfen. Muss der Patient vorab sein Einverständnis gegeben haben? Und ist der Spender an Gewinnen und Lizenzgebühren zu beteiligen oder muss er leer ausgehen, während Forscher und Pharmaunternehmen unter Umständen satte Gewinne einstreichen?

Neues Gesetz regelt Forschungsrichtlinien
Ein neues Gesetz zu den Biobanken, das am 1. Januar 2003 in Schweden in Kraft getreten ist, gibt den Rahmen für die künftige Forschung vor. Demnach dürfen nur solche Einrichtungen Gewebeproben sammeln, die auch mit der Behandlung der Patienten betraut sind. Die Spender haben ein Recht zu erfahren, für welche Forschungsvorhaben ihre Proben benutzt werden. Die Biobanken sind zudem angehalten, das Material klaglos zu vernichten, wenn der Spender dies wünscht.

Dem Ethik-Professor Mats Hansson geht der Gesetzestext mit Betonung auf den Persönlichkeitsrechten viel zu weit, zumal die öffentliche Akzeptanz der Banken den Umfragen nach gut ist. "Der Einspruch ist angemessen, wenn der Patient persönliche Nachteile durch die Archivierung seines Erbmaterials befürchten muss", räumt er ein. "Aber in allen anderen Fällen sollten wir nicht eine Forschung behindern, die wichtige Erkenntnisse liefern wird. Der Gesetzgeber sollte vielmehr darauf achten, dass Arbeitgeber und Versicherungen nicht auf die genetischen Informationen der Biobanken zugreifen können."

Alexander Budde

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