Wie weit geht die schwedische Religionsfreiheit?

Wie weit soll und darf Religionsfreiheit gehen? Wieder einmal beschäftigt diese Frage die Gemüter in Schweden. Der Anlass: zwei Schülerinnen aus Göteborg, die zum Unterricht in der Burka erscheinen, verschleiert also von Kopf bis Fuß. Über das Schicksal dieser ungewöhnlichen Schuluniform soll nun das Staatliche Amt für Ausbildungswesen entscheiden.

Ist die Religionsfreiheit unantastbar, oder kann man Schüler zwingen, ihr Gesicht zu zeigen? Zum allerersten Mal beschäftigt sich das schwedische Schulamt mit einer derartigen Frage.

Problemfall Burka
Aufgeworfen wurde sie vom Göteborger Burgården-Gymnasium, um zu klären, wie man den beiden Mädchen aus Somalia in angemessener Weise gerecht wird. Die knapp 18 und 19 Jahre alten Mädchen sind tiefgläubige Musliminnen. Guter Rat ist teuer: Die jungen Frauen verweisen auf ihren Glauben; die Lehrer auf den erschwerten Kontakt mit gleichsam Unsichtbaren. Nur einen kleinen Schlitz für die Augen lässt die Burka frei; ob sich die Schülerinnen in der Gruppe wohlfühlen, ob sie dem Unterricht folgen, ist da schwer auszumachen - ganz abgesehen von Identifizierungs-Problemen beispielsweise bei Klassenarbeiten und Prüfungen.

Der Pilotfall hat vielerorts in Schweden Diskussionen ausgelöst. Verschleierung verbieten oder akzeptieren? Abdu Fatta Samantor, Rektor der Al-Hasan-Schule in Örebro, leht ein Verbot ab: "Ich würde nicht negativ reagieren, wenn eine Schülerin in der Burka erscheint, ich würde aber zu einem Dialog einladen. Ich würde ihr erklären, dass es besser ist, den Schleier abzulegen, dass sie es dann gewiss auch viel leichter hätte, zum Beispiel einen Praktikumsplatz zu bekommen. Es geht also darum, zu überzeugen. Zu verbieten, ist keine gute Methode."

In seiner Schule hat Abdu Fatta Samantor dergleichen bislang nicht erlebt; ohnehin seien Burka-Trägerinnen meist ältere Frauen, erklärt er. Die Burka in der Schule aber einfach achselzuckend zu akzeptieren, hält er für einen zweifelhaften Ausdruck von Religionsfreiheit.


Provokation Burka?
Auch Pernilla Owis, selbst Muslimin und Autorin des Buches "Muslim in Schweden", kann dem Bild von Burka-tragenden Schulmädchen nicht viel abgewinnen. "Ich finde, es ist unangenehm, wenn man jemandem nicht ins Gesicht sehen kann", findet sie. "Das wird von der Umgebung oft als Provokation aufgefasst, und ich kann das verstehen. Ich denke, es gibt Grenzen dafür, was in der multikulturellen Gesellschaft zulässig ist und was nicht. Und hier verläuft meiner Meinung nach ganz eindeutig eine Grenze."

Während die Leitung des Burgården-Gymnasiums nun auf Wegweisendes von oben wartet, nehmen die Mitschüler der beiden Schleierträgerinnen die Dinge gelassen. Jeder solle über seine Kleiderordnung selbst entscheiden können, so die Meinung der Mehrzahl der Befragten. Die Schülerin Sofia sieht es so: "Die ganze Sache zeigt doch nur, dass man irgendwie Angst vor den beiden hat. So was hat es eben noch nicht gegeben. Na und? Das sind zwei ganz normale, fröhliche Mädchen, sie sind wie alle anderen. Ok, sie wollen sich äußerlich nicht so darstellen wie die anderen, von denen manche so gut wie nackt herumlaufen. Zu denen sagt auch niemand was. Ich finde, die Verhüllung zeigt doch nur, dass man seinen Körper respektiert."

Burka ja oder nein - in der kommenden Woche soll die Schulbehörde ihr Machtwort sprechen.

Anne Rentzsch

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