Flüchtling für 120 Minuten

Im Historischen Museum von Stockholm spielen sich derzeit seltsame Szenen ab: Da läuft im drei-Stunden Rhythmus eine Menge aufgescheuchter Menschen über den Innenhof, kurz danach taucht ein Lastwagen auf, der ruppig über den Schotter brettert, und alle paar Meter unsanft abbremst, um dann mit Vollgas wieder anzufahren. Das Szenario ist Teil eines Museumsprojekts für Schüler. In einem Rollenspiel sollen sie am eigenen Leib erfahren, wie es ist, ein Flüchtling zu sein.

Es ist stockdunkel, dicker Rauch liegt in der Luft. Ein Dutzend verängstigter Jugendlicher steht eng zusammengedrängt in einer Ecke, klammert sich verzweifelt aneinander. Plötzlich knallen Schüsse durch die Dunkelheit; Panik bricht aus, die Jugendlichen rennen los. Im nächst besten Unterschlupf fallen sie auf den Boden, um sich vor den Soldaten zu verstecken, die laut schreiend nach ihnen suchen. Der Puls schnellt nach oben, der Atem wird kurz - dass sich die Schüler "nur" bei einem Rollenspiel mit machen, daran denken sie in diesem Moment überhaupt nicht. Denn die Angst, die sie spüren, die ist echt.

Ziel: Realistisches Rollenspiel
"Wir haben gemerkt, dass die Jugendlichen, die hier mitmachen, ein völlig neues Engagement entwickeln", erzählt Rita Hemå, Projektleiterin vom Historischen Museum. "Sie sind wütend, fangen an Fragen zu stellen - und sie engagieren sich auf einmal für Flüchtlinge. Wenn man so etwas wie dieses Projekt nicht erlebt, kann man sich so schnell gar nicht ändern."

Damit das Rollenspiel so realistisch wie möglich wird, bekommen die Schüler eine neue Identität: So wird beispielsweise aus Susanna eine Klara Philipov, ihre Heimat ist das fiktive Land Naboone. Die 17-Jährige steckt in schäbigen Klamotten. Wenn sie nervös wird, klammert sie sich an die Halskette ihrer Mutter - eine der wenigen Habseligkeiten, die sie auf die Flucht mitgenommen hat.

Jeder Schüler, der bei dem Projekt mitmacht, muss seine eigene individuelle Rolle spielen. Einer, der die Charaktere und die Geschichte erfunden hat, ist Max Valentin. Der 25-Jährige ist Mitglied von "Sverok", einer schwedischen Rollenspiel-Organisation. Für ihn war es besonders wichtig, dass das Rollenspiel authentisch wirkt. "Wir haben dafür Statistiken analysiert und uns mit Flüchtlingen aus aller Welt unterhalten", erzählt Valentin. "Aus den vielen Eindrücken haben wir dann eine Art Collage geschaffen. Kein Charakter ist echt, aber wir wurden von vielen Einzelschicksalen inspiriert."

Viele machen freiwillig mit
Neben "Sverok" sind auch das Schwedische Rote Kreuz und das Reichstheater an der Aktion beteiligt. Die meisten machen freiwillig mit, schließlich kostete es rund 60tausend Euro, um das Projekt realisieren zu können. Unbenutzte Räume des historischen Museums wurden dafür als ausgebombte Flüchtlingsunterkünfte hergerichtet, unterirdische Gänge leer geräumt, um einen Flucht zu simulieren. Die Jugendlichen wagen es nur zu flüstern, wenn sie von einem dubiosen Menschenschmuggler durch die endlos langen, dunklen Gänge geführt werden.

Kaum, dass die schwedische Grenze erreicht ist, schnappt sich der Schmuggler die Pässe und lässt die Flüchtlinge allein zurück. Dann taucht plötzlich die schwedische Polizei auf, die Einwanderungsbehörde wird eingeschaltet, und die Odyssee der Menschen geht weiter, durch zahllose Büros mit anonymen Wartehallen. Endstation ist das Flüchtlingscamp, in dem nach zermürbendem Warten irgendwann die endgültige Entscheidung kommt, ob man im Land bleiben darf oder nicht. Das Spiel zu Ende.

"Mir tun die Flüchtlinge leid"
Wieder in ihren eigenen Jeans und Turnschuhen, verarbeiten die Schüler ihre Eindrücke. "Es war sehr aufregend und erschreckend, ich hatte Angst. Am schlimmsten war es, als mir eine Taschenlampe mitten ins Gesicht leuchtete und ich nur einen Schatten dahinter entdecken konnte", sagt eine. "Mir tun die Flüchtlinge leid, ich möchte ihnen helfen", sagt eine andere Schülerin. "Vielleicht gehe ich sogar zum Roten Kreuz". Ihr Kollege meint: "Es war interessant und lustig - vielleicht war es nicht so lehrreich bezüglich Fakten. Man lernt ja keine Fakten, das passiert in der Schule. Wenn man die aber kombiniert mit dem Gefühl aus dem Rollenspiel, dann kriegt man glaub ich einen ganz guten Eindruck".

Nach Angaben des Schwedischen Roten Kreuzes wurden im vergangenen Jahr rund 33.000 politische Flüchtlinge aufgenommen - noch mal so vielen wurde das Asyl verwehrt.

Sibille Tillschneider

Grunden i vår journalistik är trovärdighet och opartiskhet. Sveriges Radio är oberoende i förhållande till politiska, religiösa, ekonomiska, offentliga och privata särintressen.
Du hittar dina sparade ljud i menyn under Min lista