"Wer wirft den ersten Stein?"

Fünf Wochen lang quartierte sich die Schriftstellerin Tove Lifvendahl im Einwandererviertel Rosengård in der südschwedischen Stadt Malmö ein. Ihre Erlebnisse hat die streitbare 29-Jährige, die selbst als Adoptivkind aufgewachsen ist, in dem Buch "Vem kasta första stenen" verarbeitet. Auf Deutsch: "Wer wirft den ersten Stein?"

In ihren Sonntagsreden preisen die Bewohner des reichen Nordens gern ihre offenherzige, liberale Einstellung gegenüber den Migranten. Doch Kontakt mit den Fremden in ihren Vororten haben die wenigsten Schweden. Dabei hat sich das Land in kürzester Zeit in eine multi-ethnische Gesellschaft verwandelt, in der viele Sprachen gesprochen werden. Heute sind fast zehn Prozent der Einwohner Einwanderer oder haben wenigstens einen Elternteil, der zugewandert ist.

Tove Lifvendahl wurde als kleines Kind von schwedischen Eltern adoptiert. Das Schicksal von Einwanderern hat die gebürtige Koreanerin seither in immer neuen Facetten beschrieben: In streitbaren Artikeln, in Sachbüchern aber auch in politischen Debatten als Vorsitzende des Jugendverbandes der Konservativen Partei.

"Politiker müssen Verantwortung übernehmen"
Für ihr neues Buch hat sie fünf Wochen lang mit den Leuten von Rosengård zusammen gelebt, hat von Arbeitslosigkeit, Gewalt und Misshandlung gehört und viel Elend auch mit eigenen Augen gesehen. Und die Autorin schrieb alles auf, sprach mit Eltern, Jugendlichen und Sozialarbeitern, mit Vermietern, Nachbarn und Lehrern.

Das Resultat ist ein ungeschminktes Abbild der sozialen Zustände und ein Aufruf zum Handeln: "Ich denke, wir haben den Punkt erreicht, wo wir die Augen nicht länger verschließen können", sagt sie. "Die Politiker müssen sich hinsetzen und Verantwortung übernehmen." In den Gesprächen seien ihr viele handfeste Vorschläge unterbreitet worden, sagt Lifvendahl. Mit einfachsten Mitteln und etwas gutem Willen könnte die Lebenssituation für viele Einwanderer schlagartig verbessert werden. Sie zählt auf: "Die Leute fragen, wie sie sich selbständig machen können, wie sie ihre Zeugnisse und Diplome ins Schwedische übersetzen - das sind ganz konkrete Probleme."

Forderungen und Einwände dürften sich aber nicht nur einseitig an Politik und Behörden richten, sagt Osama Ali Maher, bei der Vorstellung des Buches in Rosengård. Der Hydrologe arbeitet an der Technischen Hochschule in Lund und engagiert sich seit Jahren in Einwanderungsfragen. Er fordert von den Migranten: "Übernehmt die Initiative, seid nicht so passiv. Glotzt nicht ständig ins Satellitenfernsehen. Schmeißt die Schüsseln weg und seht auch das schwedische Fernsehen, hört schwedische Nachrichten und engagiert Euch."

Aktive Unterstützung statt passive Fürsorge
Die schwedische Asylpolitik ist reine Fürsorge, ärgert sich Tove Lifvendahl. Niemand will wirklich wissen, welche Fähigkeiten und Initiativen die Zuwanderer anzubieten haben. Dabei sei genug Arbeit für alle vorhanden, meint sie. "Die meisten haben Arbeit. Aber das sind keine geregelten Jobs, das ist Schwarzarbeit. Ich denke, wir sollte einmal von den üblichen Mustern in Schweden absehen, und uns fragen: Wie machen wir aus diesem Arbeitsmarkt im Verborgenen ordentliche und legitime Jobs. Die Leute zu verfolgen wäre jedenfalls eine allzu kurzsichtige Lösung", meint Lifvendahl.

Alexander Budde

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