Psychiatrie-Reform reformbedürftig

Die schwedische Psychiatrie hat keine Möglichkeit, geistig gestörte Menschen mit Drogenproblemen adäquat zu betreuen. Zu diesem Ergebnis kommt das Zentralamt für Gesundheitswesen in einer Studie, die im Fernsehprogramm Agenda teilweise veröffentlicht worden ist.

Stockholm Åkeshov, 19. Mai 2003. Ein 32-Jähriger überfällt Passanten mit einer Eisenstange. Ein Toter und sechs Verletzte.

Stockholm Gamla Stan. Ein Autofahrer rast durch eine Fußgängerzone. Zwei Tote und 17 Verletzte.

Aufgrund dieser beiden Vorkommnisse gab die Regierung dem Zentralamt für Gesundheitswesen den Auftrag, die psychiatrische Behandlung im Lande näher unter die Lupe zu nehmen. Beide Täter waren zuvor in psychiatrischer Behandlung gewesen.
Das Ergebnis der Gutachter: Die schwedische Psychiatrie hat entscheidende Fehler im System. Patienten mit Persönlichkeitsstörungen und Abhängigkeit von illegalen Drogen werden zwischen verschiedenen Einrichtungen der Provinzen und der Kommunen hin- und hergeschoben.

Nach der Reform mehr Probleme als zuvor
Kjell Asplund ist stellvertretender Generaldirektor des Zentralamts für Gesundheitswesen. Er ist über die Schlußfolgerungen der Untersuchungskommission nicht überrascht.
"Die Reformen in der Psychiatrie vor einigen Jahren haben ja vielen Patienten mit leichten oder mittleren Symptomen bedeutende Qualitätsverbesserungen beschert", berichtet er. "Aber gerade für die besonders schweren Fälle haben die Reformen leider zu Problemen geführt."

Diese Patienten sind laut Agenda oft schwierig, kommen nicht zu den vereinbarten Zeiten in die Sprechstunden oder bleiben ganz aus. Solche Problemfälle würden nicht selten aus der Behandlung entlassen, weil die zur Verfügung stehenden Plätze für andere Patienten benötigt werden, denen es noch schlechter geht.

Auch darüber wie gefährlich solche Patienten mit Persönlichkeitsstörungen und Drogenabhängigkeiten für sich und ihre Umgebung sind, wird je nach Provinz unterschiedlich beurteilt. In Stockholm kann eine Person als ungefährlich gelten, während der selbe Mensch von Institutionen im nordschwedischen Umeå als gewalttätig eingestuft wird.

Einheitliche Checklisten gefordert
Damit die Gefährlichkeit geistig gestörter Menschen in Zukunft im ganzen Land gleich eingestuft wird, will die Behörde eine Checkliste erstellen, die von allen Kliniken benutzt werden soll. Außerdem soll eine Qualitätsdatei zeigen, wie gut die psychiatrischen Behandlungen wirklich funktionieren. Diese Maßnahme hat zum Beispiel bei der Behandlung von Herzinfarkten zu Verbesserungen geführt.

Auf eines weist Kjell Asplund mit Nachdruck hin: Die beiden Fälle jedoch, die die Studie ausgelöst haben, seien zwar tragisch, aber äußerst selten. "Wesentlich öfter werden Angehörige oder Freunde von geistig gestörten Menschen durch deren Gewalttaten verletzt. Oder die Kranken wenden ihre Aggressionen gegen sich selbst, zum Beispiel indem sie Selbstmord begehen."

Sybille Neveling

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