Vom schwedischer Armut in den Vorstädten

Schweden hat sich in kürzester Zeit von einem relativ homogenen Land in eine multiethnische Gesellschaft verwandelt. Heute sind fast zehn Prozent der Schweden Einwanderer oder haben wenigstens einen Elternteil, der zugewandert ist. Seit einigen Jahren wird im Land nicht mehr diskutiert, wer hereinkommen soll, sondern wie die Zugewanderten integriert werden können. Der Staat hat einige ehrgeizige, jedoch ziemlich erfolglose Versuche unternommen, die Verelendung der Vorstädte aufzuhalten.

Der Vorort Kista ist ein schwedisches Silicon Valley im Westen der Internet-Metropole Stockholm. Morgens pumpt die U-Bahn Computerfachleute und Ingenieure aus aller Welt in dieses kühle Zentrum für Hochtechnologie. Aber nur ein paar Straßenzüge von den glitzernden Glasfassaden entfernt leben 3.000 Iraner auf engstem Raum. "Klein Persien" heißt das Viertel im Volksmund und hier hat sich Parsova Khataian mit Frau und Tochter in einer drei Zimmer Eigentumswohnung eingerichtet. "Ich arbeite bei Ericsson und der Preis für die Wohnung war gut", erzählt der knapp 50-jährige Familienvater. Wegen der Landsleute sei er nicht hergezogen. "Aber sehen kann ich sie täglich und ich höre sie in ihrer Sprache sprechen, wenn sie vorbeigehen."

Ausländeranteil von 15 auf 50 Prozent hoch geschnellt
Jeder zweite Bewohner des Stadtteils ist aus dem Ausland zugewandert. Vor 20 Jahren betrug der Anteil der Ausländer in Kista gerade einmal 15 Prozent. Eine ähnliche Entwicklung beobachten Soziologen und Stadtplaner auch in anderen Ballungsräumen. Roger Andersson, Professor für Kulturgeographie an der Universität von Uppsala, kennt die Nöte, die mit der Ghettoiesierung der Vorstädte einher gehen: Ausländer haben einen hohen Anteil unter Sozialhilfeempfängern, Schulabbrechern und arbeitslosen Jugendlichen.

"In den Grundschulen und Schulen dieser Viertel stellten die geringen Sprachkenntnisse der Kinder das größte Problem dar", sagt der Professor. Später fehle es den Kindern oft an sozialen Kontakten, um eine gut bezahlte Arbeit zu finden. "Behörden und Politiker haben das Problem erkannt", sagt Andersson, "aber niemand hat eine überzeugende Lösung parat."

200 Millionen Euro verpufft?
Umgerechnet mehr als 200 Millionen Euro hat der schwedische Staat bislang für Förderprogramme im Kampf gegen die so genannte Segregation der Vorstädte ausgegeben. Mit dem Geld wurden vor allem Beschäftigungsprogramme aufgelegt, die arbeitslosen Jugendlichen eine Perspektive bieten sollen. Die Förderung umfasste 24 Stadtviertel im Umkreis der Großstädte Stockholm, Malmö und Göteborg, doch bewirkt haben die gut gemeinten Beihilfen wenig. Fast überall im Land schreitet die ethnische Zuwanderung in Viertel mit hohem Ausländeranteil voran - die meisten schwedischen Bewohner haben die Flucht ergriffen.

Beispiel Rosengård, ein Einwanderer-Vorort bei Göteborg: Hier wohnte Dana Percan unter 3.000 Flüchtlingen aus dem früheren Jugoslawien. Im Herbst habe sie erfahren, dass es in der Schule nicht ein schwedisches Kind geben würde, berichtet die gebürtige Serbin. Die Familie habe dann den Beschluss zum Umzug gefasst, weil die Kinder eine gute Ausbildung genießen sollen: Sie zog in einen gut bürgerlichen Nachbarort. "Wer ins Ausland geht, muss die Sprache erlernen". Für Dana Percan ist das eine Selbstverständlichkeit. "Doch viele Kinder in Rosengård haben nicht den geringsten Kontakt zu Schweden", glaubt sie. Und bei den schwedischen Nachbarn hat die Gegend einen schlechten Ruf. "Wer jung ist und was erreichen will, im Leben, der sucht das Weite."

Alexander Budde

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