Sorgloser Umgang mit HIV

In Schweden schlug das Staatliche Institut für die Vorbeugung von Seuchen in dieser Woche Alarm: die höchste Zahl neu gemeldeter Fälle von HIV seit 1993! Im Jahre 2003 wurden 380 neue Erkrankungsfälle gemeldet - ein Anstieg um nahezu hundert im Vergleich zum Vorjahr. Auch andere Geschlechtskrankheiten - beispielsweise Syphilis - sind in Schweden auf dem Vormarsch.

Stockholm - eine Stadt mit pulsierendem Leben, europaweit bekannt als Heimatort zahlreicher Popstars, als Stadt mit heißen Nachtbars, die zumal am Wochenende Stars und Sternchen ebenso locken wie Medelsvensson, den Durchschnittschweden. Da wird kräftig gefeiert, da werden rasch Bekanntschaften gemacht und mögliche böse Folgen ausgeblendet.

Überhaupt ist es in der schwedischen Öffentlichkeit ums Thema HIV und Aids in den vergangenen Jahren merkbar still geworden. Caroline Henriksson, eine junge Stockholmerin, sieht es so: „Insgesamt kommt es einem vor, als hätte sich die Lage entspannt. Das Thema Aids scheint nicht mehr so ernst zu sein wie noch vor vier - fünf Jahren. In der Presse wird Aids nicht mehr so oft erwähnt und wenn, dann mit dem Tenor: alles halb so schlimm."

Kristina Ramstedt, Abteilungsleiterin im Staatlichen Institut für Volksgesundheit, verweist auf eine grundsätzlich veränderte Sicht der Schweden zum Thema Sex: „Die Sexualgewohnheiten sind in den vergangenen Jahren anders geworden. Man wechselt häufiger den Partner, und man hat häufiger Sex ohne Kondom. Und vor allem hat man mehr ungeschützte One-Night-Stands. Da ist es natürlich unmöglich zu wissen, was die entsprechende Person für ein Vorleben hat."

Der erste Fall von HIV in Schweden wurde 1982 entdeckt. Seither sind an die 6000 Neuerkrankungen gemeldet worden. Insgesamt also noch eine relativ begrenzte Zahl - dies, so meinen Fachleute, ist eine der Ursachen für eine weit verbreitete Sorglosigkeit, wie sie zum Beispiel Emil Ristolainen zum Ausdruck bringt: „Das Risiko, sich anzustecken, ist letzten Endes ziemlich gering. Schließlich gibt es nur relativ wenige Infizierte."

Wer heute ungeschützten Sex habe, fürchte man vor allem andere Geschlechtskrankheiten wie beispielsweise Syphilis, so der junge Mann. Auch bei dieser Krankheit ist von 2002 bis 2003 ein beachtlicher Anstieg zu verzeichnen - um 40 Prozent auf insgesamt 179 Fälle.

Schwedische Ärzte sind heute beunruhigt darüber, mit welcher Leichtfertigkeit und auch mit welchem Unwissen zumal junge Leute mit dem Thema HIV und Aids umgehen. Letzteres belegt eine kürzliche Umfrage unter 100 jungen Leuten zwischen 15 und 20 Jahren. Ein Viertel der Befragten war demnach der Überzeugung, HIV sei heilbar.

Anne Rentzsch

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