Zeitung im kleinen Format

Weniger ist mehr. Der Trend auf dem schwedischen Zeitungsmarkt ist deutlich: Eine Zeitung nach der anderen präsentiert sich den Lesern im neuen, knappen Tabloidformat, jenem Format also, das lange einzig der Boulevardpresse vorbehalten war. Doch nun ziehen die großen Qualitätsblätter nach. Auch Schwedens größte Tageszeitung, Dagens Nyheter, hat beschlossen, ganz zum kleinen Format überzugehen. Anfang der 70er Jahre kamen noch fast 80 Prozent der schwedischen Tagespresse im Großformat heraus.

Wer heute morgens mit der Stockholmer U-Bahn fährt, sieht es auf einen Blick: Hier sind eifrige Zeitungsleser unterwegs. Die Mehrzahl der Fahrgäste ist in die Lektüre vertieft; augenscheinlich besonders beliebt sind die kleinen, handlichen Gratisblätter „City“ und „Metro".

Lennart Weibull, Professor für Medienwissenschaften an der Universität Göteborg, meint den Grund zu kennen: „Als Metro 1995 erschien, zeigte sie: ein kleines Format ist durchaus mit seriösem Journalismus vereinbar. Deshalb wurde das Blatt rasch populär."

Tabloid nimmt zu

Zu den ersten großen Zeitungen, die dem Trend zum Kompaktformat folgten, gehörte Ende des Jahres 2000 das Stockholmer „Svenska Dagbladet". Nach jahrelangem Manövrieren am Rande des Konkurses wurde das Flaggschiff der bürgerlichen schwedischen Presse komplett auf die Hälfte seiner ursprünglichen Größe zurechtgestutzt.

Heute, drei Jahre später, verbucht Auflagen-Chef Kenny Hallberg eine positive Bilanz: „Die Veränderung hat sich in zweierlei Hinsicht ausgezahlt. Zum ersten rein ökonomisch - 2003 hatten wir das beste Ergebnis in der Geschichte der Zeitung überhaupt. Außerdem freuen wir uns, dass wir jüngere Leser hinzugewonnen haben. Besonders augenfällig ist das in der Gruppe der 27- bis 33Jährigen. Man kann also durchaus von einer Erfolgsgeschichte sprechen."

Sparen bei Papier und Personal

Im Zuge der Verschlankung hat Svenska Dagbladet gleich noch kräftig die Reihen der Mitarbeiter gelichtet. In den vergangenen Jahren sank die Zahl der Angestellten um die Hälfte auf 165. Dass Sparen beim Personal ein wichtiges Motiv für die Formatumstellung gewesen sei, bestreitet Hallberg aber energisch. Leiten lassen habe man sich allein vom Wunsch der Leser nach einem handlicheren, leichter zugänglichen Blatt.

Mehr Service für den Leser - das verbucht auch der Medienexperte Lennart Weibull als wichtigstes Plus der Entwicklung hin zum Tabloid. „Der große Vorteil dieses Trends liegt darin, dass er dem Leser entgegenkommt. Die Zeitung wird attraktiver, sie wird griffiger und leichter überschaubar. Der Nachteil ist ökonomischer Natur: Man hat nicht mehr ganz so viel Platz für Anzeigen, und vor allem bei ganzseitigen Annoncen kann die Gestaltung problematisch werden."

Kein Drama für Svenska Dagbladet, das traditionell ohnehin mehr an Abonnements denn an Anzeigen verdient. Doch auch annoncenabhängigere Blätter werden laut Weibull dem Trend zum Tabloid folgen müssen.

Veränderungen im Zeitgeist
Henrik Berggren, leitender Redakteur des liberalen Dagens Nyheter, sieht für die Stärke dieses Trends in Schweden vor allem zwei Gründe: zum Ersten das Vorbild von Gratisblättern wie Metro und zum Zweiten die traditionelle Ausrichtung hiesiger Qualitätszeitungen. „Finnland und Schweden sind ja weltweit Spitze, wenn es um den Anteil der Zeitung lesenden Bevölkerung geht. Entsprechend sehen unsere Qualitätszeitungen aus. Wir verstehen uns nicht als Nischenprodukt für eine vergleichsweise kleine Elite, wie das zum Beispiel deutsche Blätter wie die Süddeutsche Zeitung sind. Sondern wir wollen einen breiten Leserkreis ansprechen, vom Professor bis zum Hilfsarbeiter, wollen höchste Qualität mit Volksverbundenheit vereinen. Diese Konzentration auf einen breiten Leserkreis macht die Zeitungen natürlich sensibler für Veränderungen im Zeitgeist und Trends auf dem Markt."

Seit 2003 ist auch Dagens Nyheter, Schwedens größte Tageszeitung, der aktuellen Entwicklung gefolgt: Einzelne Sektionen des Blattes wie Sport und Kultur wurden im Tabloidsystem gestaltet. Jetzt fiel bei Dagens Nyheter die entscheidung, auch den ersten Teil ins handliche Tabloid umzuformatieren. Der Politikteil blieb zunächst im Großformat. Ähnlich verfährt man bei Göteborgs-Posten, und das Malmöer Sydsvenska Dagbladet arbeitet gegenwärtig mit Hochdruck an der vollständigen Umstellung aufs Tabloidformat.

Henrik Berggren sieht diese Entwicklung mit gemischten Gefühlen: „Der Markt wird mehr und mehr gleichgeschaltet. Natürlich können wir auch eine prima Tabloidzeitung machen."

Das Tabloid könne rasch zum allzu fest geschnürten Korsett werden, warnt Henrik Berggren. Doch im Heimatland des Kleiderriesen Hennes und Mauritz ist man nun mal modebewusst. Auch wenn es manchmal weh tut.

Anne Rentzsch

Grunden i vår journalistik är trovärdighet och opartiskhet. Sveriges Radio är oberoende i förhållande till politiska, religiösa, ekonomiska, offentliga och privata särintressen.
Du hittar dina sparade ljud i menyn under Min lista