Das Zeckenschiff

Sommerzeit ist Zeckenzeit - mit diesem Slogan mahnen schwedische Arztpraxen, sich rechtzeitig gegen Meningitis, also Hirnhautentzündung, impfen zu lassen. Denn besonders die schwedische Ostküste von Blekinge bis nördlich von Stockholm gilt als Risikogebiet, denn das Virus kommt aus dem Baltikum und aus Russland. Nur: Mit einer Impfung ist es nicht getan. Insgesamt dreimal muss man sich spritzen lassen, um sicher gehen zu können. Und um den Bedarf decken zu können, hat sich die Polyklinik von Älta, einer Kommune bei Stockholm, etwas Besonderes ausgedacht.

Zwei Monate lang, von Anfang Mai bis Anfang Juli, fährt die „Vaccina“ die über 200 km lange Küstenlinie auf und ab, zwischen Oxelösund bei Nyköping im Süden und Öregrund auf der Höhe der Ålandinseln im Norden. An Bord des Motorbootes: Impfstoffe gegen Hirnhautentzündung, hervorgerufen durch Zeckenbisse. Der bezeichnende Beiname der fahrenden Impfstation: Fästingbåten, das Zeckenboot.

Ola Strömstedt, praktischer Arzt in Älta bei Stockholm, ist einer der beiden Betreiber des Zeckenbootes. Die Idee stammt von einem Patienten, der sich darüber beschwerte, dass es so umständlich sei, die notwendige zweite Spritze für die Impfung zu bekommen. Schließlich wohne er auf einer Insel in den Schären.

Ola Strömstedt bot kurzerhand an, zum Impfen auf die Insel zu kommen: „Ehrlich gestanden, war das anfangs eher eine witzige Idee und absolut nicht kommerziell gedacht. Doch dann zeigte sich, dass die Leute diese Erreichbarkeit sehr zu schätzen wissen und das schmeichelte und bestärkte uns natürlich. Und so ist diese Idee gewachsen."

Seit fünf Jahren fährt Strömstedt abwechselnd mit seiner Kollegin die Schären an Schwedens Ostküste ab. Schon im zweiten Jahr war klar, dass das Zeckenboot eine glänzende Geschäftsidee ist. Das Projekt trägt sich nicht nur, es finznziert mittlerweile sogar die Praxis in Älta teilweise. Den Namen „Zeckenboot" hat Ola Strömstedt sicherheitshalber schützen lassen.

Rasche Abfertigung

Wo immer das Zeckenboot anlegt, stehen die Impfwilligen Schlange. 20.000 sind es pro Saison. Meist nutzen Familien den Service. „Das ist wirklich pfiffig. Es ist etwas billiger als zum Impfen in eine Praxis zu gehen. Schnell, einfach und billig", sagt Cecilia Silversson, die sich und ihren drei Jungen die zweite Spritze auf dem Zeckenboot geben lässt.

Warten ist auch in Schweden nicht sonderlich populär - und diese Abneigung nutzt Ola Strömstedt mit seinem Zeckenboot aus: „Hier haben wir rationalisiert. Wir impfen am laufenden Meter, aber eben mit hundertprozentiger Sicherheit für die Patienten. Das ist das Beste für die Leute, denn die wollen ja nicht umsonst warten. Wenn die eine 50 Meter lange Schlange sehen, gehen sie natürlich weg."
Diese Gefahr besteht beim Zeckenboot nicht. Tatsächlich schrumpft die Schlange minütlich. Kaum jemand legt sich lange auf die weiche Matratze in der Kajüte. Krankenschwester und Arzt spritzen im sozusagen wie im Akkord, Strömstedts Töchter kümmern sich um Anmeldung und Bezahlung. Alles ist erfreulich durchorganisiert. Das gefällt den Patienten.

Sicher, manches Kind findet die Spritze unangenehm. Aber der fünfjährige Alexander ist da ganz anderer Meinung: „Skönt!" Schön? Warum das? „Äh, därför." - Na, darum eben.

Zwar ist immer mehr Menschen wichtig, sich impfen zu lassen. Doch auf die Frage wogegen, kann kaum jemand eine zufrieden stellende Antwort geben: „Naja, das ist so eine Art Hirnhautentzündung, mehr weiß ich nicht", meint Joakim Zadig. Und seine Schwester glaubt: „Gegen TBE, also gegen Zecken". Christoffer Silversson ist sich sicher: „Damit man kein TBE bekommt, eine unheilbare Krankheit."

TBE steht für Tick-Borne-Encephelitis, also die durch Zecken übertragene Hirnhautentzündung. Unheilbar ist die Hirnhautentzündung nicht. Aber von den gut 100 Menschen, die jedes Jahr daran erkranken, behält fast die Hälfte bleibende Schäden zurück, Konzentrationsschwierigkeiten oder Gedächtnisverlust.

Blinde Spinne

Das Virus überträgt die Zecke durch ihren Speichel. Entgegen dem Mythos lässt sich das Spinnentier allerdings nicht heimtückisch vom Baum fallen, sondern hängt blind und träge im vornehmlich hohen Gras herum und wartet dort auf ein Opfer. Und das immerhin bis zu vier Jahre!

Arzt Ola Strömstedt: „Ich finde, die Zecke ist ein vollkommen sinnloses Tier. Sie bereitet keinem Freude. Kein Tier scheint sie fressen zu wollen und das ist vielleicht ein Problem an sich. Aber ich gehöre glücklicherweise zu denen, die keine Zecken anziehen."

Dieses Glück hat jedoch längst nicht jeder. Wer sich auf dem Zeckenboot gegen das Virus im Blut der Zecke impfen lassen will, hat dazu noch drei Wochen Gelegenheit.

Liv Heidbüchel

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